Robert Musil (1880–1942)

31 Sprüche Realismus

Das sich unverstanden Fühlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache. Und sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine verdoppelte Einsamkeit bedeutet.

Musil, Die Verwirrung des Zöglings Törleß, 1906

Der wahre Prüfstein des Lebens ist erst das Zusammenleben.

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43. Aus dem Nachlaß

Die Wahrheit ist eben kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hineinfällt.

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43. Erstes Buch. Zweiter Teil, 110: Moosbruggers Auflösung und Aufbewahrung

Es gibt Wahrheiten, aber keine Wahrheit. Ich kann ganz gut zwei völlig entgegengesetzte Dinge behaupten und in beiden Fällen recht haben.

Musil, Tagebücher. 1899-1904, Heft 4

Es gibt Minuten, in denen alle verborgenen Edelsteine der Seele offenliegen!

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43

An diesem entsetzlichen Gefühl eines blinden, abgeschnittenen Raums hinter allem Ausgefüllten, an dieser Hälfte, die immer noch fehlt, wenn auch alles schon ein Ganzes ist, bemerkt man schließlich das, was man die Seele nennt.

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43

Arnheim hatte unterdessen mitgeteilt, dass sich die Welt seit zwei Menschenaltern in der größten Umwälzung befinde: die Seele gehe zu Ende. … Die Seele sei schon seit dem Zerfall der Kirche, also ungefähr im Beginn der bürgerlichen Kultur, in einen Prozess der Einschrumpfung und Alterung geraten.

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43

Man darf sich natürlich nicht täuschen und glauben, dass Krieg und Niedertracht aufhören können, solang er nicht völlig rein im privaten wie im öffentlichen Leben durchgeführt ist. Die Hunde haben ihre ausgezeichneten Nasen, aber wir Menschen gehen aneinander vorbei und vermögen uns nicht zu erkennen. Wir haben noch eine ganz ungeregelte und wilde Preisbildung für das, was wir wollen, und sind von denen, die uns brauchen, so wenig zu finden wie Bücher ohne Katalog.

Musil, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, in: Gesammelte Werke in neun Bänden, 7. Band, hg. von Adolf Frisé, Reinbek 1978

In der Nacht hat der Mensch nur ein Nachthemd an, und darunter kommt gleich der Charakter.

Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 3 Bde., 1930-43. Erstes Buch. Zweiter Teil, 51: Das Haus Fischel

In unserer Jugend war Charakter das, wofür man Prügel bekommt, obwohl man es nicht hat.

Musil, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, in: Gesammelte Werke in neun Bänden, 7. Band, hg. von Adolf Frisé, Reinbek 1978. Geschichten, die keine sind. Ein Mensch ohne Charakter