Rudolf G. Binding (1867–1938)

21 Sprüche Realismus

Trunken steht nun der Baum. Rundum gestützt trägt sein Schoß tausend Früchte des Jahrs. Liebe des Sommers war groß. Tropft auch der Seim aus in der Frucht, klopft auch der Apfel ins Gras – keine des Blühens im Mai, keiner der Liebe vergaß. Reife, reife auch du, Liebe, in uns wie der Saft der in der reifenden Frucht Keim neuen Lebens erschafft.

Binding, Sieg des Herzens. Gedichte, 1937

Liebe Worte füg ich dir zum Liede, und sie drängen leis um deine Stirne, leise dir ans Ohr sich, küssen leise, wiederkehrend von den reinen Lippen dir den Mund, wenn du sie heimlich raunest. Glücklich, Worte, die ihr solches dürft! Aber woll euch des nicht überheben. Denn ihr wißt nicht, die ihr mir entflohen, von den andern, den unsagbar schönen, ungestanden ewig, doch verstandnen, deren Ahnung stumm der Liebsten Herze jubeln und in Schauern zittern macht.

Binding, R. G., Gedichte

Sonett der Verschmähten Einst war ich nur ein ungetanzter Tanz, Ein nie gesungen Lied, erstickter Klang Und halber Atemzug. O weher Kranz, Den man auf meine junge Stirne zwang. Nun bin ich alles: Tanz und Klang und Sinn Und tiefer Atem, Lied das froh sich hebt; Und weiß: ich bin durch ihn nur was ich bin Und starb um dies und hab um dies gelebt. Mit solchen Kronen krönt er mein Geschick. Er ist durch sich. Ich kann nicht gleiches geben. Doch wenn ich einst, noch flammenden Gesichts, Mir auch gestehen müßte, daß ich nichts Ihm war als nur ein flüchtger Augenblick – Er war ja doch mein ganzes junges Leben.

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Astronomisches Gespräch Sieh den Mond mit schlanken Sichelarmen glühend zucken nach den schönsten Sternen. Süße Ferne, wo Gestirne liebend sich umarmen! – Meinst du gar, sie werden sich erreichen? Wird der junge Mond den Stern umfangen? Hold Verlangen, fern von dir zu stehen, dem Stern zu gleichen! – Menschenaugen werden's nicht erspähen. Doch im Licht des Tages scheu verborgen mag der Morgen, der uns trennt, sie bei einander sehen. Und wenn Tag mit flammenden Alarmen auf mich scheucht vom Lager der Geliebten, liegen wohl im Ungetrübten Mond und Stern sich liebend in den Armen. – Freund, so laß mich lieber dich umschlingen. Gib den Tag als Mantel den Gestirnen. Von den Firnen schwand das Licht. um uns die Nacht zu bringen. –

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Nordische Kalypso Wo sie die Liebe vergibt und sich vergibt daß sie liebt wird sich die Göttin ergeben – darf ich mein Stück für sie leben. In ihr verschwiegenes Bereich warf mich die Welle herauf um zu erfüllen mein Los: Tod und Liebe sind gleich. Tod und Liebe sind groß. Tod und Liebe stehn auf. Liebe gebietet dem Tod.

Binding, Sieg des Herzens. Gedichte, 1937

Man sollte mit größerer Achtung von dem sprechen, was man mit so viel Verachtung das Zeitliche nennt. Ja, man sollte nur mit äußerster Zurückhaltung von etwas anderem sprechen.

Binding, Ad se ipsum. Aus einem Tagebuch, 1941 (posthum)

Spruch für eine Sonnenuhr Auf dem Hochzeitsturm in Darmstadt Der Tag geht über mein Gesicht. Die Nacht sie tastet leis vorbei. Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht und Nacht und Tag ein Einerlei. Es schreibt die dunkle Schrift der Tag und dunkler noch schreibt sie die Nacht. Und keiner lebt, der deuten mag was beider Schatten ihm gebracht. Und ewig kreist die Schattenschrift. Leblang stehst du im dunklen Spiel. Bis einmal dich die Deutung trifft: Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

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Aber auf der langen Strecke des Lebens liegt das wahrhaft Erlebte unregelmäßig und oft weit voneinander entfernt; es bildet kaum einen Weg und große Strecken sind leer. Und dennoch mag es geschehen, daß es den Weg bezeichnet, den ein Mensch gegangen ist.

Binding, Erlebtes Leben, 1927

Es geht aber um den inneren Menschen, um den Europäer, nicht um die niedrigste Funktion eines Menschen, nämlich sein Leben zu erhalten oder es in äußeren Umständen prosperierend zu gestalten.

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Der Humor ist eine Eigenschaft des Herzens – wie die Liebe.

Binding, Ad se ipsum. Aus einem Tagebuch, 1941 (posthum)

Auf dem Rücken der Zeit, auf den lichten Schultern der Wellen reiten Zeitgesellen – steigen und fallen – ewiger Zukunft bereit.

Binding, R. G., Gedichte

Sterb ich dir heute nicht, sterb ich dir morgen: Schwebend im Gleich des All sind wir geborgen.

Binding, R. G., Gedichte

Soll ich dann nicht mehr sein Wenn ich dir fern bin? Wirst du dann Erde sein Wenn ich ein Stern bin? Folgest du mir nicht mehr Wenn ich entschwunden? Wenn ich entfesselt schon bist du gebunden? – Leben und Tod ist nur Gleiches Berauschen. Sterne und Erde sind Nicht mehr zu tauschen. Sterb ich dir heute nicht Sterb ich dir morgen: Schwebend im Gleich des All Sind wir geborgen.

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Schlacht – Abend – Gewölk Nun sterben Mädchennamen auf Lippen von Männern. "Wie machtlos sind diese lieblichen Amulette!" Letzte Gedanken, schon ohne Hoffnung, flattern gleich Schmetterlingen lautlos davon; nicht mehr weit. Wie leicht wird nun alles. Es ist, als hübe das Sterben die Leiber sanft aus den Armen der Erde empor: wie man einer Mutter ein Kind abnimmt. – Die Stimmen der Sehnsucht verstummten. Gestillt auf immer war das Verlangen nach Fernem. Besinnung wurde langsam hinausgetragen wie ein Licht. Nur das Auge wandte noch einmal ewig suchend sich auf zum erblindenden Himmel. – Dann kam der Tod, der alles einfach macht. Hingelagert aber ins Abendblau, leicht auf die Lüfte gestützt ruhten die großen weißen Wolken, niemandem untertan: stille erhabene Throne in das Ewige hinausgeschoben.

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Begräbnis Keine Träne rührt uns an. Wer kann Tote noch beweinen? Tote sind Zahlen in einem Buch unter die Zahlen der gestern Lebenden geschrieben. Wir ziehen die Ziffern voneinander ab. Grabgeleite sind abgegriffene Dinge: Alle sind gleich. Wie bei einem Appell werden die Toten verlesen. Nur daß sie nicht antworten. Aber es fehlt keiner. Vielleicht fehlt auch einer: Von diesem begraben sie nur einen Arm mit einer zarten Hand, von jenem ein Klümpchen unkenntlich und unbenennbar. Von einem begraben sie wohl nur den Namen.

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Schnell gehst du, Welt, schnell läufst du, Jahr. Nichts bleibet wie es gestern war. Und morgen bist du, Mensch, gefällt aus dieser Welt von diesem Jahr.

Binding, Sieg des Herzens. Gedichte, 1937

Letzter Spruch Wie bald sind ausgetrunken die Becher der Zeit, die brausenden – und es folgen die schalen. Und ein Tag kommt – der stillste. Da leerst du den schalsten der Becher. Aber sein Rausch währt ewig. Dann wirst du nicht mehr trinken. Alle läßt du vorüber: denn dich dürstet nicht mehr.

Binding, Sieg des Herzens. Gedichte, 1937

Das ist das Furchtbare an der Wahrheit: daß man sie mit Lügen nähren kann.

Binding, Ad se ipsum. Aus einem Tagebuch, 1941 (posthum)

Alle Wahrheit ist von tiefster Gewalt: immer von neuem. Sie trifft uns wie ein Blitz, sie greift nach uns wie das Gewissen, sie nimmt Besitz von uns wie eine Herrscherin. Zumal wenn esunsereWahrheit ist.

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Unsere Zeit verwechselt die Wahrheit mit der Wirklichkeit. Wir glauben die Wahrheit zu haben wenn wir die Wirklichkeit haben, und sind weiter entfernt als je.

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Helden fallen und Söhne gehen von Müttern. Das sind alles einfache Gesetze, einfache Rechte, Atem und Lidschlag ungeheuren Geschehens.

Binding, R. G., Gedichte. Aus: Beweinung