Thekla Lingen (1866–1931)

6 Sprüche Realismus

Müde Hab so wund gelaufen meine Füße Auf dem weiten Wege nach dem Glück – Lachend lief ich aus, um es zu suchen, Schlich nach Haus mit thränenschwerem Blick. Sah wohl wunderseltsam lichte Blumen, Sah sie wohl an meinem Wege stehn, Habe sie mit raschem Fuß zertreten, Mußte eilen, mußte weitergehn. Weitergehn, die eine nur zu finden, Die in trügerischer Ferne winkt Und mit ihren buhlerischen Düften Unser Herz zur Schuld und Sünde zwingt. Hab so wund gelaufen meine Füße Auf dem weiten Wege nach dem Glück – Lachend lief ich aus, um es zu suchen, Kam so müde, kam so still zurück…

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Mußt du mich lieben, Wirst du mich lieben, Ward schwarz auch mein weißes Angesicht – Zur Schönheit wurde gar mancher getrieben Und kannte die wahre Liebe nicht. Mußt du mich küssen, Wirst du mich küssen, Wenn bleich auch die Lippen, mit langem Kuß – Es mag die roten wohl keiner missen, Die bleichen küßt nur der Liebe Muß. Bist du mein eigen, Bleibst du mein eigen, Was mir das Leben auch bringen mag – Soll deiner Liebe Sonne sich zeigen, Muß sie sich zeigen am dunklen Tag.

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Ich lächle ihm zu… Ich lächle ihm zu, als wollt' ich sagen, Daß seine Liebe mir gefällt; Das giebt ihm Mut, den Schritt zu wagen, Den keiner Sitte Macht mehr hält. Er nimmt mir meine beiden Hände Und hält sie fest mit langem Kuß, Bis ich mich bebend von ihm wende Und sage, daß er gehen muß. Da leuchtet tief in seinen Blicken Der heiße Glanz, der mich erschreckt – Es wagt sein Auge auszudrücken, Was ich erschauernd längst entdeckt. Es zwingt mich dieses stumme Flehen, Ich geb' mich hin dem starken Blick Und fühl' mich langsam untergehen In wunderseligem Liebesglück.

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Wach auf! Wehende Winde Gehn über mich hin, Wandernde Träume Kreuzen den Sinn. Ziehende Sehnsucht Hemmt den Schritt, Locket und winket: Willst du nicht mit? Wallen und wandern, Weißt du wie einst? Bist du so müde, Liegst du und weinst? Sonne stieg siegend Aus Nebel und Nacht, Fruchtende Erde Ist froh erwacht. Leuchtende Segel Schmücken das Meer, Schäumende Wellen Wogen daher, Raunen und rauschen Ewigen Sang – Bist du so müde, Schläfst du so lang? Lauschige Lauben Im Dämmerlicht Warten und schweigen – Siehst du sie nicht? Glühende Rosen Blühen zum Kranz, Jubelnde Geigen, Klingen zum Tanz, Lachende Lieder Schlummern im Wein – Kannst du nicht singen, Bist du allein? Alles muß kommen, Alles muß gehn – Kannst du's nicht zwingen, Muß es geschehn! Siegendes Leben Geht seinen Lauf, Einsame Thräne Hält es nicht auf! Heb die verweinten Augen zum Licht – Lebe dein Leben, Fürchte es nicht!

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Lebe dein Leben, Fürchte es nicht!

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Ehe Sie haben sich nichts zu sagen, Sie sitzen still und stumm Und hören die Stunden schlagen, Die Langeweil' geht um. Die Liebe ist längst gegangen, Und auch das Glück ist hin, Und hin ist das Verlangen Mitsamt dem Jugendsinn. Mißmut sitzt ihm zur Seite, Die Sehnsucht sitzt bei ihr, Und traurig alle beide, Ach, bis zu Thränen schier. Keins bricht das tiefe Schweigen, Kein Laut dringt in den Raum, Nur schwere Seufzer steigen, Verstohlen, hörbar kaum. Und die Gewohnheit leise Schwingt ihren Zauberstab Und zwingt in ihre Kreise Die beiden still hinab.

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