Thekla Skorra (1866–1943)

6 Sprüche Realismus

Hielt Liebe, trotz Leben, die Seele dir weich: So bist du ein Ganzer, den Würdigsten gleich.

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905. Aus: Idealistin

O Leben! Ich zog dir so jubelnd entgegen, In sonniger Morgenfrüh Und griff nach den Blüten, Die du mir gegeben, Am Herzen sie traulich zu heben, Und führt' sie zum Munde Und küsste sie. Wie Nesseln nur stachen sie. O Leben! Nun brennen die Lippen Mir wund und zerrissen, So kehr' ich ein müder Pilger heim. – Heim? Wohin? O, sag, Leben, Wo denn bin ich daheim? O Leben!

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905

In der Dämmerung So schling', mein Geliebter, den Arm um mich, Erzähle, erzähl' mir vom Leben! Von seiner schimmernden Sternenpracht, Von wildfrohen Stürmen der Wetternacht, Wie mit ihm du, mein Starker, gerungen, Und wie du's bezwungen. Im Winkel ja hockte in Träumen ich, So fern, ach so ferne dem Leben. Und glitten vorüber der Jahre viel – Es brachte mir keines ein wunschheisses Ziel. Die Blitze, die draussen entflammet sind, Begrüssten durchs Fenster ein weltfremdes Kind. Erzähle, erzähl' mir vom Leben!

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905

Ehe Zwei Ringe in eins gekettet – Werden sie klirren, werden sie klingen? Zwei Menschen, so dicht gebettet – Ihre Seelen, werden sie singen oder zerspringen? Ob aus dem Schauer der Hochzeitsnacht, Ob aus dem Grauen ersten Erlebens, Das ihre Myrte zum Welken gebracht, Einst jauchzend ein Tag, eine Zukunft erwacht? In ihres Kindes nachtblauen Augen werden sie's schauen.

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905

Zu einer Silberhochzeit Das war ein wüstes Streiten Und Ringen Mann und Weib – Ein Fassen und Entgleiten, Verödend Seel und Leib. Die Seele war längst gestorben, Der Leib nur fordert sein Recht – Entartet und erdorben Das kommende Geschlecht.

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905

Meine Seele Meine Seele schläft vor dir; Weck' sie nicht mit rauhem Schrei'n. Von dem deinen nie begehrt, Schlief mein Wesen ein. Wie ein dunkler Fittich schwebt Über ihr dein kalter Hohn – Und doch lacht sie, – denn sie träumt, Träumt vom Glück so lange schon. Kling, kling, es zittern die Saiten Wieder vom Lebensspiel. Sie klingen und klagen noch immer, Immer das alte Lied. Das Lied von Liebe und Sehnsucht, Von ungelebter Lust, Das meine gefrorene Seele Belauscht in erstarrter Brust. Ihr ungeküssten Lippen, Euch schloss keine Liebe zu; Noch immer verlangend geöffnet, Küsst nur ein Traum euch wund. Im Traum nur, ihr suchenden Hände, Umschliessen euch Finger warm, Im Traum nur halt' ich die Liebe, Das jauchzende Glück im Arm. Du hast dein Leben gelebt, Ich hab's geträumt. Dir hat das Herz in Stürmen gebebt, In Wonnen die Lippe geschäumt. Dich trägt dein Gott auf zur Höh', Vom Festmahl des Lebens einst müde und satt, Wenn Winde mich wehen in Grabesnäh', Vom Baume des Lebens ein welkendes Blatt

Skorra, Wovon mein Herz sich freigesungen, 1905