Walter Calé

13 Sprüche

Encore Nun bist du ruhig, liebes Herz. Die Schmerzen gleiten nur so von weiten noch heimatwärts. Das waren trübe Zeiten. Der Mond wacht schon am Himmel lang. Mir quillt versonnen aus Seelenbronnen ein kühler Sang von neuen lieben Wonnen. Was sing' ich denn die trübe Nacht? Laßt uns doch warten! Bald kommt in Fahrten von hoher Pracht der Tag in unsern Garten. Die böse Sehnsucht ist mir tot. Der Tag will schlingen um mich ein Klingen. Glück wuchs aus Not. Wie will ich fröhlich singen!

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Ein Weg, den ich nicht suchte, führt zu dir…

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Es goß mein volles Leben Sich selig vor dir aus, In Arme magst du's heben Und tragen in dein Haus. All Leid und alles Wissen Ihm abgeworfen sind, Es harret deiner Winke, Es ist nur wie ein Kind. Es will dich ganz umschlingen, Tauchen ins Auge dein Und trunken bei dir singen: "Wir werden Eines sein."

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Abendstunde Es weht dein ferner Atem mich sachte kühlend an. Ganz tief lieg' ich verwoben in dieser Stunde Bann. Und alles unser Wissen zerrinnt in Abendglut, von allen unsern Worten bleibt eins nur: sei mir gut!

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Willst du? Willst du mit mir auf die Berge steigen, heimlich und still, daß uns niemand sieht, des Nachts, wenn alle Herzensquellen schweigen und die große Sehnsucht erwacht und glüht? Willst du? Dann zeigʼ ich dir unten die goldenen Lande, wo meine lebendigen Brunnen springen, wo purpurne Lilienglocken klingen am buntumspülten kristallnen Strande. Willst du mit mir auf der Höhe knieen, wenn Mitternacht Schlummer über uns gießt, wenn die Sterne in ruhigem Wandel ziehen und Seele in Seele überfließt? Willst du? Dann lös' ich mit trunken bebender Hand deines Haares wallende Herrlichkeit, dann lös' ich dein staub'ges Erdengewand und hülle dich in mein Königskleid! Willst du, wenn uns Atem des Lebens umquillt, wenn Talesglocken und Seufzer verwehten, wenn die Seele dem Dunkel entgegenschwillt, willst du mit mir zur Mitternacht beten? Willst du? Dann küß' ich deinen rotglühenden Mund aus tiefster Seele aufquellender Macht, dann grüß' ich dein leise zitterndes Haar und nenne dich Sehnsucht und Mitternacht

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

An Dich Was fruchtet's, daß in schmerzlichen Entwürfen dir Tag um Tag scheu wie ein Dieb entschleicht! Aus jedem goldnen Becher sollst du schlürfen den Trank, den jede goldne Stunde reicht. Denn jede Blüte, die du nicht gebrochen, und jeder ungehörte Saitenklang und jedes Glück, das du nicht ausgesprochen, fällt als ein Tropfen Reue in den Trank. Und was vergangen ist, das sei vergangen! Der neue Tag führt neues Licht herauf. Tot sind die Lieder, die noch gestern klangen. Was kümmert's dich? Zieh' neue Saiten auf! Der Augenblick ist Leben und Erringen, verlornes Glück – verklungenes Getön. Wenn es verklang, wo wird's auch wieder klingen, du bist ja noch so jung und bist so schön!

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Leben, was bist du, denn ein Heimverlangen. Seele, was bist du, denn ein Senker zur Nacht. Gut und Blut, was seid ihr, denn trübere Schemen. Abends, wann der Regen fällt.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt, und wo wir eines waren willenlos, und wandeln nun für eine kurze Weile in argen Fesseln unter Raum und Stunden, wir gehen Wege, welche weit getrennt sind, und nur mit Blicken, welche trösten sollen, von fern uns findend – eine kurze Weile, bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen und wieder eines sind und willenlos.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Wir sind ganz traumbefangen, wir sind aus anderm Land, wir halten eine Waage in unsrer rechten Hand. Wir sind sehr stillen Mutes, die Schalen schweben gleich. Das heißt: es rinnt vorüber, macht uns nicht arm noch reich. Wir spähen scharf und forschen, wir wanken nicht vom Ort; darinter rinnen Jahre und rinnt das Leben fort. Doch wird die Schale sinken in einer hellen Nacht, dann kam der Traum ins Träumen, dann sind wir aufgewacht.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Nur von Gedanken, die man auszusprechen vermag, weiß man wirklich, dass siesind.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910. Aus dem Tagebuch

Aus der Theologie wird man zur Philosophie, aus der Philosophie zur Religion geführt.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Ist Wahrheit das, was für alle gilt, – oder das, was für alle zu gelten hat?

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910

Man besitzt nur die Seele, die sich uns gab, nicht die, die man sich nahm.

Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. von Fritz Mauthner, Berlin 1910