Walther von der Vogelweide
Ach, erlebt' ich's einmal noch! Daß wir die Rosen miteinander brächen! Ach, erlebt' ich's noch zum Heil uns beiden! Daß wir freundlich wie zwei Liebste sprächen! Nichts vermöchte uns dann mehr zu scheiden. Küßte sie mich dann zu guter Stunde Mit dem roten Munde, Braucht' an Glück ich nie mehr Not zu leiden.
Wer gab dir, Minne, die Gewalt, daß du so ganz allmächtig bist? Du siegtest über jung und alt, und gegen dich hilft keine List.
Unter der Linden, an der Heide, da unser zweier Bette was, da möget ihr finden hold sie beide gebrochen Blumen so wie Gras. Vor dem Walde in einem Tal tandaradei! lieblich sang die Nachtigall. Ich kam gegangen zu der Aue, da schon mein Trauter kommen hin. Da ward ich empfangen, hehre Fraue, daß ich noch immer selig bin. Küßt er mich? Wohl tausend Stund. tandaradei! Seht, wie rot mir ist der Mund! Da hat er gemachet mir und sich von Blumen eine Bettestatt. Des wird noch gelachet inniglich, kommt jemand an den selben Pfad. Bei den Rosen er wohl mag tandaradei! merken, wo das Haupt mir lag. Daß er bei mir lag, wüßt es einer, behüte Gott, so schämt ich mich. Was er mit mir pflag - keiner, keiner befinde das, als er und ich, und ein kleines Vogelein: tandaradei! Das mag wohl getreue sein.
Erstes Begegnen Erstes Begegnen –, glückliche Stunde! Da ich sie sah, war ich selig verloren, Alle Gedanke sind mit ihr im Bunde, Leib und Seele mit ihr verschworen, Nichts kann mich lösen aus ihrem Bann. Ihre Schönheit und Güte, die haben's gemacht, Und ihr roter Mund, der so lieblich lacht. Ich habe Sinne und Seele gewendet An die Geliebte, die Gute, die Reine. Mag an uns beiden werden vollendet, Was ich im stillen erhoffe und meine. Was ich auf Erden an Freuden gewann, Ihre Schönheit und Güte, die haben's gemacht, Und ihr roter Mund, der so lieblich lacht.
Die verschwiegene Nachtigall Unter der Linden, an der Haide, wo ich mit meinem Trauten saß, da mögt ihr finden, wie wir beide die Blumen brachen und das Gras. Vor dem Wald mit süßem Schall, Tandaradei! sang im Tal die Nachtigall. Ich kam gegangen zu der Aue, mein Liebster kam vor mir dahin. Ich ward empfangen als hehre Fraue, daß ich noch immer selig bin. Ob er mir auch Küsse bot? Tandaradei! Seht, wie ist mein Mund so rot! Wie ich da ruhte, wüßt' es einer, behüte Gott, ich schämte mich. Wie mich der Gute herzte, keiner erfahre das als er und ich – und ein kleines Vögelein, Tandaradei! das wird wohl verschwiegen sein.
Nimmer wird's gelingen, Zucht mit Ruten zu erzwingen: Wer zu Ehren kommen mag, dem gilt Wort soviel als Schlag.
Ich saß auf einem Steine Und deckte Bein mit Beine, Drauf setzte ich den Ellenbogen Und hatt in meine Hand gezogen Mein Kinn und eine Wange. Da dacht' ich sorglich lange, Weshalb man auf der Welt sollt' leben. Ich konnte mir nicht Antwort geben, Wie man drei Ding erwürbe. Daß kein davon verdürbe, Die zwei sind Ehr und irdisch Gut, Das oft einander schaden tut, Das dritt ist Gottgefallen, Das wichtigste von allen.