Wilhelm Müller (1794–1827)

23 Sprüche Klassik

Laß dich von dem Glücke suchen: Fehlt's den Weg, so mag es fluchen. Aber suchst du selbst das Glück, Kömmst du fluchend oft zurück.

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Recht und Liebe Das Recht sagt: Jedem das Seine! Die Liebe: jedem das Deine!

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Liebe ohne Leid Willst du Rosen ohne Dornen, willst du Liebe ohne Leid? Laß sie auf die Wand dir malen in der holden Maienzeit, Und verschließe deine Fenster vor des Gartens süßem Duft, Und verriegle deine Pforte, wenn die Gärtnerin dich ruft.

Müller, W., Gedichte

Ungeduld Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein, Ich grüb' es gern in jeden Kieselstein, Ich möchte es sä'n auf jedes frische Beet Mit Kressensamen, der es schnell verrät, Auf jeden weißen Zettel möcht ich's schreiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Ich möchte mir ziehen einen jungen Star, Bis daß er spräch' die Worte rein und klar, Bis er sie spräch' mit meines Mundes Klang, Mit meines Herzens vollem, heißen Drang; Dann säng' er hell durch ihre Fensterscheiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Den Morgenwinden möchte ich's hauchen ein, Ich möchte es säuseln durch den regen Hain; O, leuchtet' es aus jedem Blumenstern! Trüg' es der Duft zu ihr von nah und fern! Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben? Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Ich meint', es müßt' in meinen Augen stehn, Auf meinen Wangen müßt' mans' brennen sehn, Zu lesen wär's auf meinem stummen Mund, Ein jeder Atemzug gäb's laut ihr kund; Und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben! (vertont von Franz Schubert)

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Sag, womit ist zu vergleichen der getäuschten Liebe Pein? Frag den Garten, dessen Blumen schneien in den Frühling ein.

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Die Lieb ist der Säckel des Fortunat: Je mehr sie gibt, desto mehr sie hat.

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Der Neugierige Ich frage keine Blume, Ich frage keinen Stern; Sie können mir nicht sagen, Was ich erführ' so gern. Ich bin ja auch kein Gärtner, Die Sterne stehn zu hoch; Mein Bächlein will ich fragen, Ob mich mein Herz belog. O Bächlein meiner Liebe, Wie bist du heut so stumm! Will ja nur Eines wissen, Ein Wörtlein um und um. »Ja« heißt das eine Wörtchen, Das andre heißet »Nein«: Die beiden Wörtchen schließen Die ganze Welt mir ein. O Bächlein meiner Liebe, Was bist du wunderlich! Will's ja nicht weiter sagen Sag, Bächlein, liebt sie mich?

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Wie ein Land ohne Herrn, Wie die Nacht ohne Stern, Wie der Becher ohne Wein, Wie der Vogel ohne Hain, Wie ohne Auge ein Gesicht, Wie ohne Reim ein Gedicht: So ohne der Liebe Scherz und Schmerz – das Herz.

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Die Post Von der Straße her ein Posthorn klingt. Was hat es, daß es so hoch aufspringt, Mein Herz? Die Post bringt keinen Brief für dich. Was drängst du denn so wunderlich, Mein Herz? Nun ja, die Post kömmt aus der Stadt, Wo ich ein liebes Liebchen hatt', Mein Herz! Willst wohl einmal hinüberseh'n Und fragen, wie es dort mag geh'n, Mein Herz?

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Amor, ein Sprachlehrer Amor ist ein Sprachverderber, Wortverdreher, Lautverwirrer, Der beim großen Thurm zu Babel Schon die Händ' im Spiele hatte. Wenn ich weine, raunt er leise Mir in's Ohr etwas von Wonne; Wenn ich schmachte, läßt er dennoch Reden mich von Seligkeiten. In dem lauten Schwarm der Feste Muß ich, diesem Lehrer folgend, Sagen, daß ich einsam stehe, Und im einsam stillen Haine Darf ich mich allein nicht nennen. Bittersüß und lieblichherbe, Grausam mild und labend schmerzlich, Solche Reden hat er viele Stehn in seinem Wörterbuche, Das die größten Sprachgelehrten Mir nicht auszudeuten wagen, Und mit dem ich alle Tage Mehr mein bißchen Deutsch verlerne.

Müller, W., Gedichte. Originaltext

Und was der Tod versprochen, Das bricht das Leben nicht.

Müller, W., Gedichte. Aus: Der Glockenguß zu Breslau

Wie ein Kind, das von dem Vater ließ auf einen Gaul sich heben, also reitest du, o Bruder, also reit' ich durch das Leben. Weil des Rosses Zaum wir halten, glaubst du, daß wir es regieren? Sieh, der Vater geht daneben, an der Halfter es zu führen!

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Kein schönes Leben wird gefunden, zerlegst du es in Tag und Stunden.

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Der Wegweiser Was vermeid' ich denn die Wege, wo die andern Wandrer gehn, suche mir versteckte Stege durch verschneite Felsenhöhn? Habe ja doch nichts begangen, daß ich Menschen sollte scheun – welch ein törichtes Verlangen treibt mich in die Wüstenein? Weiser stehen auf den Straßen, weisen auf die Städte zu, und ich wandre sonder Maßen, ohne Ruh' und suche Ruh'. Einen Weiser seh' ich stehen unverrückt vor meinem Blick; eine Straße muß ich gehen, die noch keiner ging zurück.

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Es gibt eine edle Abwesenheit von der Erde, indem wir noch darauf wohnen, es gibt eine edlere Vertraulichkeit im Himmel, indem wir noch unter ihm wandeln.

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Ahnen sind für den nur Nullen, der als Null zu ihnen tritt! Steh' als Zahl an ihrer Spitze, und die Nullen zählen mit!

Müller, W., Gedichte. Epigramme, 2. Hundert

Aus Gold und Silber, Blei und Eisen, hat Zeus die Zeiten fabriziert. Von welchem Erz ist mein Jahrhundert? Man sieht es nicht, es ist plattiert.

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Was heißt das, über die Zeit zu klagen? Wie jeder sie macht, so muß er sie tragen.

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Viel Hoffnung treibt mit Jugendglühn noch oft aus greisen Lebens Schoß und macht die letzten Kräfte grün, wie an dem morschen Stamm das Moos.

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Die längste Hoffnung kommt doch an dasselbe Ziel, Das auch nach kurzem Lauf noch keinem wohl gefiel.

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Ein Rosenstrauß der Hoffnung vor uns tragend in der Hand, Wandern wir, der Liebe Pilger, nach dem hochgelobten Land. Lab' an seinem Duft und Schmelze unterwegs deinen Sinn, Und du schreitest ohne Schmerzen auf des Pfades Dornen hin.

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