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Spricht Pilatus zu ihm [Jesus]: Was ist Wahrheit?

Neues Testament. Das Evangelium nach Johannes (#Joh 18,38)

Entblößt muß ich die Wahrheit sehn.

Schiller, F., Gedichte. Aus: Poesie des Lebens, 1798

Die Macht des Gesanges Ein Regenstrom aus Felsenrissen, Er kommt mit Donners Ungestüm, Bergtrümmer folgen seinen Güssen, Und Eichen stürzen unter ihm; Erstaunt, mit wollustvollem Grausen, Hört ihn der Wanderer und lauscht, Er hört die Flut vom Felsen brausen, Doch weiß er nicht, woher sie rauscht: So strömen des Gesanges Wellen Hervor aus nie entdeckten Quellen. Verbündet mit den furchtbarn Wesen, Die still des Lebens Faden drehn, Wer kann des Sängers Zauber lösen, Wer seinen Tönen widerstehn? Wie mit dem Stab des Götterboten Beherrscht er das bewegte Herz, Er taucht es in das Reich der Toten, Er hebt es staunend himmelwärts Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele Auf schwanker Leiter der Gefühle. Wie wenn auf einmal in die Kreise Der Freude, mit Gigantenschritt, Geheimnisvoll nach Geisterweise Ein ungeheures Schicksal tritt. Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächtgem Siege Verschwindet jedes Werk der Lüge. So rafft von jeder eiteln Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisterwürde Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern ist er eigen, Ihm darf nichts Irdisches sich nahn, Und jede andre Macht muß schweigen, Und kein Verhängnis fällt ihn an, Es schwinden jedes Kummers Falten, Solang des Liedes Zauber walten. Und wie nach hoffnungslosem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Reuetränen Sich stürzt an seiner Mutter Herz, So führt zu seiner Jugend Hütten, Zu seiner Unschuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Gesang zurück, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen.

Schiller, F., Gedichte. Die Macht des Gesanges, 1795

Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der Anschauung.

Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819 (mehrfach ergänzt, seit 1844 in zwei Bänden). Zweiter Band. Ergänzungen zum ersten Buch. Zweite Hälfte. Kapitel 7. Vom Verhältnis der anschauenden zur abstrakten Erkenntnis

Wie trivial ist doch der Satz, daß Große nicht die Wahrheit erfahren können – und wie ist er doch so wahr und so ewig neu – !

Gutzkow, Vom Baum der Erkenntnis. Denksprüche, 1868

Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden.

Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft, 1777

Man hat sich schon so lange über die Leute aufgehalten, die ein unerklärbares inneres Licht zum Leitstern ihres Glaubens und Lebens machen; man hat sie in Schimpf und Ernste bestritten, zu Boden gespottet und zu Boden raisonniert: und dennoch haben unleugbar alle Menschen etwas, das die Stelle eines solchen innern Lichts vertritt, und das ist – das innige Bewußtsein dessen, was wir fühlen. Unter allen Kennzeichen der Wahrheit ist dies unleugbar das sicherste; vorausgesetzt, daß ein Mensch überhaupt gesund und des Unterschieds seiner Empfindungen und Einbildungen sich bewußt ist.

Wieland, Was ist Wahrheit? (Aufsatz), 1778

Nur das Echte ist wahr und das Wahre echt.

Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944

Wer ganz gerichtet ist auf eine einseitige Betrachtung der Erscheinungswelt wird durch diese Einseitigkeit der wissenschaftlichen Bildung geblendet. Er erkennt nicht mehr, daß nicht die Erscheinungen selbst die Wahrheit sind, sondern das hinter ihnen liegende Leben; solches Wissen wird dann zu einem Halbwissen, weil es von der Erkenntnis der höchsten Wahrheit, des Ewigen, abführt.

Schaible (Hg.), Geistige Waffen. Ein Aphorismen-Lexikon, 1901

Das Erste, was ein aufrichtiges Gemüt aus der Betrachtung alter Fabel und Sage lernen kann, ist, daß hinter ihnen kein eitler Grund, keine Erdichtung, sondern wahrhafte Dichtung liegt.

Grimm, Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte, in: Deutsches Museum. Januarheft, Camesinasche Buchhandlung, Wien 1813

Wahrheit, praktisch: ein Maximum sich beschränkender Einsichten.

Lauterbach, Aegineten. Gedanke und Spruch, 1891

Wie? Wäre Wahrheit besser befleckt, als umgebracht?

Lauterbach, Aegineten. Gedanke und Spruch, 1891

So frei der Großstädter in geistiger Beziehung ist, so ein Sklave ist er an Charakter. Wer im höchsten Grade gesellig lebt, kollektiv denkt und herdenweise fühlt, kann unmöglich individuell und unabhängig sein. Verlangen Sie jeden Mut, jedes Opfer von ihm, nur nicht, daß er eine Krawatte trage, die verpönt ist, daß er sich zu einer Ansicht bekenne, die für lächerlich gilt. Kein asiatischer Despot tyrannisiert seine Untertanen widerstandsloser, als die Gebote der Gesellschaft den Großstädter.

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Nur beim freiesten Kampfe der Meinungen ist der Sieg der Wahrheit gesichert.

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Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, 1829. Aus Makariens Archiv

Mit dem besten Willen der Treuherzigkeit kann kein Mensch über sich selbst die Wahrheit sagen.

Heine, Geständnisse, 1854

Die Wahrheit soll wie die Sonne nicht zu hell sein: sonst flüchten die Menschen in die Nacht und machen es dunkel.

Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. Sommer 1878

Nur die Wahrheit trägt den Sieg davon; der Sieg der Wahrheit ist die Liebe.

Augustinus, Predigten (Sermones). 358.1

Man hat eine Wahrheit lange gehört, verstanden, gelobt, eh man sie verdauet und zum Teil seines Ichs macht.

Jean Paul, Bemerkungen, August 1782

Wahrheit ist etwas sehr Relatives, weil es immer darauf ankommt, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet.

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Ich möchte nicht wissen, wieviel Prozent an der Wahrheit unwahr sind.

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