Carl Hagemann (1867–1940)

30 Sprüche Realismus

Lieben ist ganz unfruchtbar. Es erschöpft sich. Nur Geliebtwerden befruchtet. Es steigert die Fähigkeiten. Aber auch das wird überschätzt. Wagners Erschöpfungstheorie ist zum mindesten eine starke Übertreibung. Ist Theater.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Aus dem Traktat »De Amore« des Andreas Capellanus (in der niederdeutschen Bearbeitung von Eberhard Cersne um 1400): "Nuwe liebe trybit dye alden hyn". In Lillis Übersetzung: "Liebe ist, wenn einem ein anderer besser gefällt".

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Bei Männern steckt die Liebe an. Schon auf dem Gymnasium verliebt sich die Prima in denselben blonden Zopf. Männer brauchen zumeist Platzhalter für ihr bißchen Liebe. Oder gar Prügelknaben.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Es gibt eine Hygiene der Liebe: Zur rechten Zeit aufhören und Schonzeit einlegen. Daß die Natur die Tiere in dieser Weise bevormundet, hat einen guten Sinn. Wenn sie beim Menschen das Regeln seiner Liebesbedürfnisse, wie so manches andere, der Vernunft überläßt, schätzt sie ihn wieder mal zu hoch ein.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Frauenärzte und Scheidungsanwälte taugen nicht zu Liebhabern. Sie wissen zu viel.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Die Frau kommt häufig erst dann zum letzten Genuß einer Liebesstunde, wenn sie einer Freundin davon erzählt.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Das Tragische im Liebesleben des Menschen ist, daß mit Ausnahme der ganz jungfräulichen, jede neue Liebe eine alte zerstört oder an die Stelle einer zerstörten tritt.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Nichts stört im Liebeszimmer so sehr wie ein Bett. Die Begriffe schließen sich aus. Im Bett schläft man. Nachher.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Wenn gewisse Leute dem Satan unterstellen, der ersten Frau die Liebe gelehrt zu haben – weshalb sie Liebe auch Sünde nennen – sollte man sie darauf aufmerksam machen, daß der Höllenfürst zu Gott von alters her in durchaus geregelten Beziehungen gestanden hat.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Wir wissen von großen Verführern (Heliogabal, Aretino, Casanova, Cagliostro, Marquis de Sade, Abbé Galiani) und großen, meist gekrönten Kurtisanen (Kleopatra, Semiramis, Messalina, Lukrezia Borgia, Katharina, Ninon de Lenclos). Von großen Liebespaaren aber wissen wir nichts. Sie sind ebenso selten wie die Meisterwerke auf allen anderen Gebieten der Kunst.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Liebe ist Bestimmung. Doch hängt ihre Einlösung vom Zufall ab. Der unerlösten Liebespaare sind Legion.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Es gibt nichts Ernsteres als ein Liebespaar. Für die Beteiligten selbst. Aber auch nichts Komischeres. Für die Anderen.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Auch in der Liebe fällt kein Meister vom Himmel. Aber nie wird eine Frau ein Mädchen lehren. Eine große Amoureuse wird es durch den Mann.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Frauen haben sich in Liebesdingen nichts zu sagen.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Sentimentale Frauen taugen nicht zur Liebe. Sentimental sein ist unkünstlerisch.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Jede Frau ist zunächst bange vor dem Manne, überhaupt bange vor der Liebe. Ist es, bis zu gewissem Grade, immer wieder. Man soll ihr deshalb Zeit lassen, sich an den Mann zu gewöhnen. Auch an den Mann ihrer Wahl. Sie hat dann immer noch Gelegenheit genug, sich baß zu wundern.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Auch bei Frauen-Freundschaften dreht es sich letzten Sinnes doch immer um den Mann. Frauen sind unsachlich. Mit einer einzigen Ausnahme: in der Liebe.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Gute Dirigenten sind in der Liebe so selten wie im Konzert. Und wenn man einmal einen erwischt, ist er so maßlos eitel, daß er wieder kein Vergnügen bereitet. Auch wie im Konzert.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Es ist wichtiger, daß der Liebhaber gut schreibt, als daß er gut spricht. Die Männer irren sich, wenn sie glauben, die Frau, die sie erobern wollen, besonders geistreich unterhalten zu müssen. Aber einen netten Brief sollten sie schreiben können. Daher die vielen Briefsteller für Liebende.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Ein Mann kann mehrere Frauen, nie aber mehrere Geliebte haben. Selbst der Sultan von Beludschistan hat zwar dreihundert Frauen, aber nur eine Geliebte. Die Favoritin.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Don Juan lehrt, sich in Liebesdingen über nichts zu wundern: möglichst wenig zu erwarten und auf alles gefaßt zu sein. Nur so ist es möglich, Enttäuschungen zu vermeiden. Auch dann liebesfroh zu bleiben, wenn einmal etwas mißlingt.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921