Carl Hagemann (1867–1940)

30 Sprüche Realismus

Die Liebe ist eine Kunst, und jede Kunst hat ihre Technik, und jede Technik will erworben werden. Kein Wunder, daß die meisten Brautnächte mißlingen.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Die Natur ist eine maßlose Verschwenderin. Was die Menschheit im Laufe eines einzigen Frühlings zusammen liebt, könnte ausreichen, die Bevölkerung der Erde um ein Vielfaches zu vermehren. Und doch sind die Volkswirtschafts-Professoren unzufrieden. Da die Natur überall nur mit ganz geringem Nutzen zu arbeiten pflegt, muß man eben den Umsatz erhöhen. Es wird also immer noch nicht genug geliebt.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Man soll einem Kunstwerk nicht den Aufwand anmerken, den es verursacht hat. In der Liebe ist deshalb von Mann und Frau der Mann der minderbegabte. Weil er die Anstrengung nicht zu verbergen weiß.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Aus dem Stammbuch einer Verlobten: "Man heiratet den, der Nichts – und liebt den (weiter), der Alles weiß."

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Im gegenwärtigen Freund den zukünftigen Feind erkennen, und zwar rechtzeitig: darauf kommt es an. Im Leben und in der Liebe. Wer das nicht versteht, tastet sich an einer Kette von Enttäuschungen durchs Leben. Und durch die Liebe.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Auch die gefährlichste Frau muß mindestens einen Mann haben, gegen den sie anständig ist. Es fragt sich sogar, ob sie ihrer Veranlagung nicht schon dadurch Genüge tut, daß sie ihr ganzes Leben lang gegen einen einzigen Mann anständig ist – ob sich mit dieser einen ethisch-erotisch Leistung nicht erschöpft.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Die Frau weiß, daß die Lüge ihre beste Waffe ist. Vor allem, wenn sie als Frau nicht zu ihrem Recht kommt. Sie lügt dann alle an, die ihr den Weg sperren: die Eltern und Geschwister, ihre Freundinnen, die Dienstboten, den Hausportier und vor allem den Mann.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Es ist eine Liebenswürdigkeit der meisten Frauen, immer wieder so zu tun, als ob sie jetzt erst das Letzte von ihrem Manne erwarten.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921

Getrennte Schlafzimmer sind der erste Schritt zu einer Kultur der Ehe. Es gibt sogar schon Architekten, die die Räume der Frau und des Herrn in verschiedenen Stockwerken des gemeinsamen Hauses anordnen. Aber erst wenn man den Gatten erlaubt, überhaupt nicht mehr zusammen zu wohnen, werden geschmackvolle und feinfühlige Menschen den Versuch machen dürfen, eine Ehe einzugehen.

Hagemann, Aphorismen zur Liebesweisheit, 1921