Carl Ludwig Schleich (1859–1922)

42 Sprüche Realismus

Jedes Menschen Leben enthält einen Roman.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Menschenlauf Dem Leben reist man steil entgegen − Und weiß es nicht. Man streift das Glück auf vielen Wegen − Und weiß es nicht. Man wird zum letzten Schlaf sich legen − Und weiß es nicht.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Weise ist nur, wer mit dem Gefühl für das Leben auch das für den Tod verbindet.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Der Weise ohne Humor ist undenkbar, weil er weiß, daß es Wissen über dem Verstande gibt.

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920. Logik und Humor

Der größte Humorist ist der liebe Gott.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Die Antike war humorlos. Wo ist der Humor der Griechen? Welch ein Fortschritt von Homer bis Wilhelm Busch.

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920

Der Humor [ist] eine angeborene Gabe der vielseitigen Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, […] ein Erzieher des Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des Reichtumes seiner Seele.

Schleich, Von der Seele, 1922. Humor

Lied der alten Spinnerin Rollend Spinnrad spinnt die Zeit, Jahre wehn wie Flocken, Hinter uns, wie liegen weit Lebenslenz und Locken. Rollend Spinnrad spinnt die Zeit, Wolken ziehn wie Jahre, Stille Träne, vieles Leid Spinnt uns Silberhaare. Rollend Spinnrad spinnt die Zeit, Schnee und Flocken fliegen, Nur die Arbeit, froh bereit, Kann dich, Leid, besiegen.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Ein fruchtbarer Gedanke ist wie Morgensonne auf der Höhe. Aus Nebeln tauchen langsam empor ein Berg, ein Gipfel, eine Matte, ein Tal, in der Ferne die Stadt, die Züge, das Werk der Menschen.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Der Ursprung der Religionen kann ebenso leicht aus der Dankbarkeit, dem Glück, etwas Tödlichem entronnen zu sein, hergeleitet werden als aus der Feigheit, sich einem allmächtigen Beschützer gegen Bedrohungen zu befreunden.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Wer weiß es denn, ob einst in lichten Höh'n Wir alle unsre Lieben wiedersehn, Wer weiß es denn, was einst geschieht mit unsrer Aschen? Ich weiß es nicht − ich lass mich überraschen.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Die Ehe ist ein gewagtes physiologisches Experiment, ein Versprechen, das der Geist gibt, aber der Leib vielleicht nicht halten kann.

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920

Die meisten Menschen, die früh alt werden, sind es immer gewesen. Es gibt greisenhafte Kinder, wie es Kinderseelen bei alten Leuten gibt.

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920. Das Leben – ein Erleben

Ein vergnügter Greis ist eben nur ein alter Knabe.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Die Psyche der Bedrückten fordert einen gerechten, der Herrschenden einen duldsamen, der Freudefähigen einen lachenden Gott.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Man kann Gott nicht entdecken, nur an seinen Werken erkennen.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Ist ein Gott in mir, so ist er nicht mit mir zufrieden, ich aber auch nicht immer mit ihm.

Schleich, Erlebtes, Erdachtes, Erstrebtes, 1928

Denkt euch: Gott saß vor der Orgel der Möglichkeiten und improvisierte die Welt. Wir Armen, Menschen, hören immer nur die vox humana heraus. Ist sie schon schön, wie herrlich muß das Ganze sein!

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920

Wahrheit ist nur das, wovon ich überzeugt bin, daß es wahr ist.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Außer der Einbildung von Wahrheit gibt's gar keine. Wahrheit ist eine Illusion des einzelnen, eine bewusste Halluzination, um so gefährlicher, als manchmal Massen von Menschen in ähnlicher, formelhafter Weise halluzinieren. Das ist die Ursache der Krisen, Revolutionen, Kriege.

Schleich, Aus dem Nachlass, 1927 (EA: 1923)

Es wäre eine mystische Sache um die Telegraphie ohne Draht, wenn nicht jede Übertragung seelischer Eindrücke eigentlich dasselbe wäre. Ich sehe ein Kind lachen – und mein Herzdruck steigt meßbar; ich lese eine Todesanzeige – und meine Pulse stocken. Das ist das Mysterium des nervus sympathicus: Millionen kleinster empfindlicher Fangschirme aller Weltall-Wellen, eingestellt gewiß auf alle X-, Y- und Z-Strahlen von Mensch zu Mensch, von Unbeseeltem zu Beseeltem.

Schleich, Die Weisheit der Freude, 1920