Christian Morgenstern (1871–1914)

164 Sprüche Realismus

›Hat die Religion eine Zukunft?‹ So gut, wie derjenige, der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen sein wird.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1912

Zukunft! – un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu – – sterben!

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1908

Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu können.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1906

Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schließlich doch das Schmerzlichste.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1906

Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer höheres, größeres – Leben hinein!

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1908

Wie vieles wird zu jeder Frist verhütet – bedachten wir schon einmal dies zu Ende? wie viel geschieht nicht, was geschehen könnte!

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Nacht am Flusse Liegen eine Sternennacht und lauschen, wie der Kahn an seiner Kette zieht und die Welle flüstert und entflieht und die Wipfel leis dawiderrauschen –. Wie es seufzt und rüttelt ohne Ruh, Freiheit wider Knechtschaft einzutauschen. Armes Herz, so zerrst und stöhnst auch du. Eine Nacht so seinem Schicksal lauschen...

Morgenstern, C., Gedichte

Non veder non sentir m'e gran ventura ... Geschlossenen Auges laß mich gehn, mein Schicksal, bis der Tag vorüber, der trüb und trüber sich umzieht. Nicht sehn, nicht hören! Wie die Maske sieht aus leeren Löchern und den Wogenschall die Muschel fängt, nur so noch laß mein Leben sein, indes die Seele tief in Schlummer liegen mag, bis sie ein beßrer Tag zu neuem Blühen drängt.

Morgenstern, C., Gedichte. Melencolia

Größer noch als die »Sinnlosigkeit« des Schicksals ist seine Gerechtigkeit.

Bauer, Christian Morgensterns Leben und Werk, 1933 (Vollendet von Margareta Morgenstern und Rudolf Meyer. Mit Beiträgen von Friedrich Kayssler und anderen)

Früh schon sprach mein Schicksal zu mir: Du sollst nicht dies und du sollst nicht das, denn du würdest sonst nicht genug leiden. Früh schon sprach mein Schicksal zu mir: Dies sollst du, das, und das sollst du, das, denn du würdest sonst nicht genug leiden.

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf Bestärken und Schwächen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1907

Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu verschaffen.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1910

Gute Erziehung – ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch von Umfang, infolge seiner guten Erziehung.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1908

Einen Freund über seinen Liebeskummer zu trösten Wir müssen immer wieder uns begegnen und immer wieder durch einander leiden, bis eines Tages wir das alles segnen. An diesem Tage wird das Leiden weichen, das Leiden wenigstens, das Blindheit zeugte, das uns wie blinden Wald im Sturme beugte. Dann werden wir in neues Ziel und Leben wie Flüsse in ein Meer zusammenfließen, und kein Getrenntsein wird uns mehr verdrießen. Dann endlich wird das » ... suchet nicht das Ihre« Wahrheit geworden sein in unsern Seelen. Und wie an Kraft wird's uns an Glück nicht fehlen.

Morgenstern, C., Gedichte. Wir fanden einen Pfad

Die meisten Ehen werden geschlossen, wie nur Liebschaften angeknüpft werden dürften.

Morgenstern, Aphorismen und Sprüche, hg. von Margareta Morgenstern, 1960. In me ipsum, 1908

Die Schildkrökröte »Ich bin nun tausend Jahre alt und werde täglich älter; der Gotenkönig Theobald erzog mich im Behälter. Seitdem ist mancherlei geschehn, doch weiß ich nichts davon; zur Zeit, da läßt für Geld mich sehn ein Kaufmann zu Heilbronn. Ich kenne nicht des Todes Bild und nicht des Sterbens Nöte: Ich bin die Schild – ich bin die Schild – ich bin die Schild – krö – kröte.«

Morgenstern, C., Gedichte. Alle Galgenlieder

Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter darstellt.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1907

Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1906

Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1907

Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandeln.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1891

Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1908