Christian Morgenstern (1871–1914)

164 Sprüche Realismus

Leben heißt tausend Umwege zum Tode machen.

Morgenstern, C., Tagebücher. September 1897

Motto Wie ward ich oft gebrochen, brach mich selbst, und dennoch leb ich, unverwüstlich stark; was alles liegt in mir geknickt, verdorrt, doch unaufhaltsam wächst es drüber hin.

Morgenstern, C., Gedichte. Ich und die Welt, 1898

Siehe, auch ich – lebe Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr, am Bach ihr Weiden und am Hang ihr Birken, und fangt von neuem an, euch auszuwirken, und wart so lang nur Schlummernde, gleich – mir. Siehe, du Blume hier, du Vogel dort, sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe... Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort... Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!

Morgenstern, C., Gedichte

Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen hinab lieb und ihr werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewußt von ihm zeugen.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1909

Wahrhaftig, das Dreidimensionale kann noch nicht das Letzte sein. Es wäre ein zu grober Abschluß für ein so feines Kunstwerk wie die Welt.

Bauer, Christian Morgensterns Leben und Werk, 1933 (Vollendet von Margareta Morgenstern und Rudolf Meyer. Mit Beiträgen von Friedrich Kayssler und anderen)

Ich bin mir selbst ein unbekanntes Land und jedes Jahr entdeck ich neue Stege. Bald wandr' ich hin durch meilenweiten Sand und bald durch blütenquellende Gehege. So oft mein Ziel im Dunkel mir entschwand, verriet ein neuer Stern mir neue Wege.

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Ich lobe mir den Freund, der wachsen macht; vor trocknen Seelen nimm dich, Herz, in acht.

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Es gibt Menschen, deren einmalige Berührung mit uns für immer den Stachel in uns zurückläßt, ihrer Achtung und Freundschaft wert zu bleiben.

Morgenstern, Aphorismen und Sprüche, hg. von Margareta Morgenstern, 1960. Psychologisches, 1897. Erstdruck in: Das Goethenaum 2, 1922/23

Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, – aber man muß mit diesem Bedürfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede, ausschließlichgeliebtsein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1907

Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umständlich.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1913

Du Weisheit meines höhern Ich, die über mir den Fittich spreitet und mich vom Anfang her geleitet, wie es am besten war für mich, – Wenn Unmut oft mich anfocht: nun – Es war der Unmut eines Knaben! Des Mannes reife Blicke haben die Kraft, voll Dank auf Dir zu ruhn.

Morgenstern, C., Gedichte. Wir fanden einen Pfad

Mich geht der Jesuit nichts an. Jedoch sein Satz vom Zwecke, der das Mittel heiligt, er ist vielleicht ein Griff ins Herz des Lebens: wenn Welt das Mittel ist zu Gott als Zweck.

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Spannung ist alles und Entladung. Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1907

Humor ist äußerste Freiheit des Geistes. Wahrer Humor ist immer souverän.

Morgenstern, Aphorismen und Sprüche, hg. von Margareta Morgenstern, 1960

Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1904

Nichts trostloser als ein Humor, den man aus Humorlosem kitzelt. Die Welt ward zu Tode gewitzelt und trister denn je zuvor.

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)

Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewußtsein.

Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1896

Es gibt ein sehr probates Mittel, die Zeit zu halten am Schlawittel: Man nimmt die Taschenuhr zur Hand und folgt dem Zeiger unverwandt.

Morgenstern, C., Gedichte. Galgenlieder. Zeitgedichte. Aus: Die Zeit

Schicksals-Spruch Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit, in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen, unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit, wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen. Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch, den ewige Kraft auf ihre Werke tut, ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn, ein Blick – des Erdballs Werdnis und Verglut.

Morgenstern, C., Gedichte. Ich und die Welt, 1898

Ein Wassertropfen in verschlungnen Kehren in meiner Hand herniederlief, zu weitrem Fall ihr zu entgleiten; da eilt' ihn schon die Sonne zu verzehren. So suchst du dich in deiner Handvoll Zeit hinab, hinweg zu immer fernern Tiefen. Da – just wann dir Entscheidung zugewogen, trifft dich des Gottes unbarmherziger Bogen.

Morgenstern, C., Gedichte. Und aber ründet sich ein Kranz, 1902

Hoffnung? Warum hoffen. Steht die Bahn nicht offen zu weit mehr?

Morgenstern, Epigramme und Sprüche, 1922 (posthum)