Friedrich Nietzsche (1844–1900)

282 Sprüche Romantik

Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.

Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. April – Juni 1885

Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen?

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza), 1882 (ergänzt 1887)

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.

Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1873

Die Wahrheit soll wie die Sonne nicht zu hell sein: sonst flüchten die Menschen in die Nacht und machen es dunkel.

Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. Sommer 1878

Niemand stirbt jetzt an tödlichen Wahrheiten: es gibt zu viele Gegengifte.

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 2. erweiterte Auflage 1886 (EA: 1878). Erster Band. Neuntes Hauptstück. Der Mensch mit sich allein

Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr – den Durst löscht?

Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886. Viertes Hauptstück. Sprüche und Zwischenspiele

Verschweigt die Natur ihm [dem Menschen] nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!

Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1873

Alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.

Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, 1883-1885 (1. vollständige Ausgabe aller Teile 1892). Zweiter Teil, 1883. Von der Selbst-Überwindung

Wahrheit will keine Götter neben sich. – Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 2. erweiterte Auflage 1886 (EA: 1878). Zweiter Band. Erste Abteilung. Vermischte Meinungen und Sprüche

Ein labyrinthischer Mensch sucht niemals die Wahrheit, sondern immer nur seine Ariadne.

Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. November 1882 – Februar 1883

Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? — Es sind die unwiderlegbaren Irrtümer des Menschen.

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza), 1882 (ergänzt 1887)

Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist.

Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, 1883-1885 (1. vollständige Ausgabe aller Teile 1892). Vierter und letzter Teil, 1885. Vom höheren Menschen

Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der „Wahrheit“, mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei gar zu menschlich treibt — „il ne cherche le vrai que pour faire le bien“ — ich wette, er findet nichts!

Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886. Zweites Hauptstück. Der freie Geist

Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?

Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, 1883-1885 (1. vollständige Ausgabe aller Teile 1892). Erster Teil. Die Reden Zarathustras, 1883. Von den drei Verwandlungen

Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit.

Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886. Viertes Hauptstück. Sprüche und Zwischenspiele

„Alle Wahrheit ist einfach.“ — Ist das nicht zwiefach eine Lüge?

Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, 1889. Sprüche und Pfeile

Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrtum zur Wahrheit schleicht.

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 2. erweiterte Auflage 1886 (EA: 1878). Erster Band. Viertes Hauptstück. Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller

Im Süden So häng’ ich denn auf krummem Aste Und schaukle meine Müdigkeit. Ein Vogel lud mich her zu Gaste, Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste. Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit! Das weiße Meer liegt eingeschlafen, Und purpurn steht ein Segel drauf. Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen, Idylle rings, Geblök von Schafen, — Unschuld des Südens, nimm mich auf! Nur Schritt für Schritt — das ist kein Leben, Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer. Ich hieß den Wind mich aufwärts heben, Ich lernte mit den Vögeln schweben, — Nach Süden flog ich über’s Meer. Vernunft! Verdrießliches Geschäfte! Das bringt uns allzubald an’s Ziel! Im Fliegen lernt’, ich, was mich äffte, — Schon fühl’ ich Mut und Blut und Säfte Zu neuem Leben, neuem Spiel… Einsam zu denken nenn’ ich weise, Doch einsam singen — wäre dumm! So hört ein Lied zu eurem Preise Und setzt euch still um mich im Kreise, Ihr schlimmen Vögelchen, herum! So jung, so falsch, so umgetrieben Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben Und jedem schönen Zeitvertreib? Im Norden — ich gesteh’s mit Zaudern — Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern: „Die Wahrheit“ hieß dies alte Weib…

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza), 1882 (ergänzt 1887). Anhang. Lieder des Prinzen Vogelfrei

Nur Schritt für Schritt — das ist kein Leben, Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza), 1882 (ergänzt 1887)

Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit: Was ist er? Ist es der Wille, sich nicht täuschen zu lassen? Ist es der Wille, nicht zu täuschen?

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza), 1882 (ergänzt 1887)

Man kann im Meere vor Durst verschmachten, und ebenso inmitten allzu gesalzener Wahrheiten.

Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. Sommer 1883