Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.
Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen?
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.
Die Wahrheit soll wie die Sonne nicht zu hell sein: sonst flüchten die Menschen in die Nacht und machen es dunkel.
Niemand stirbt jetzt an tödlichen Wahrheiten: es gibt zu viele Gegengifte.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr – den Durst löscht?
Verschweigt die Natur ihm [dem Menschen] nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!
Alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.
Wahrheit will keine Götter neben sich. – Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.
Ein labyrinthischer Mensch sucht niemals die Wahrheit, sondern immer nur seine Ariadne.
Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? — Es sind die unwiderlegbaren Irrtümer des Menschen.
Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist.
Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der „Wahrheit“, mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei gar zu menschlich treibt — „il ne cherche le vrai que pour faire le bien“ — ich wette, er findet nichts!
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit.
„Alle Wahrheit ist einfach.“ — Ist das nicht zwiefach eine Lüge?
Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrtum zur Wahrheit schleicht.
Im Süden So häng’ ich denn auf krummem Aste Und schaukle meine Müdigkeit. Ein Vogel lud mich her zu Gaste, Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste. Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit! Das weiße Meer liegt eingeschlafen, Und purpurn steht ein Segel drauf. Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen, Idylle rings, Geblök von Schafen, — Unschuld des Südens, nimm mich auf! Nur Schritt für Schritt — das ist kein Leben, Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer. Ich hieß den Wind mich aufwärts heben, Ich lernte mit den Vögeln schweben, — Nach Süden flog ich über’s Meer. Vernunft! Verdrießliches Geschäfte! Das bringt uns allzubald an’s Ziel! Im Fliegen lernt’, ich, was mich äffte, — Schon fühl’ ich Mut und Blut und Säfte Zu neuem Leben, neuem Spiel… Einsam zu denken nenn’ ich weise, Doch einsam singen — wäre dumm! So hört ein Lied zu eurem Preise Und setzt euch still um mich im Kreise, Ihr schlimmen Vögelchen, herum! So jung, so falsch, so umgetrieben Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben Und jedem schönen Zeitvertreib? Im Norden — ich gesteh’s mit Zaudern — Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern: „Die Wahrheit“ hieß dies alte Weib…
Nur Schritt für Schritt — das ist kein Leben, Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit: Was ist er? Ist es der Wille, sich nicht täuschen zu lassen? Ist es der Wille, nicht zu täuschen?
Man kann im Meere vor Durst verschmachten, und ebenso inmitten allzu gesalzener Wahrheiten.