Friedrich von Bodenstedt (1819–1892)

56 Sprüche Romantik

Es sucht der echte Weise, Daß er das Rechte finde: Jung wird er nicht zum Greife, Alt wird er nicht zum Kinde! Der Winter treibt keine Blüte, Der Sommer treibt kein Eis – Was früh dein Herz durchglühte, Das ziemt dir nicht als Greis! Jung sich enthaltsam preisen, Alt toll von Sinnen sein, Wird nie des wahren Weisen Rat und Beginnen sein!

Bodenstedt, Die Lieder des Mirza-Schaffy, 1851. Lieder und Sprüche der Weisheit, 2.

Erfahrung ist eine strenge Lehrerin. Durch Erfahrung klug werden heißt: das Vertrauen zu den Menschen in Mißtrauen zu verkehren, in Gesellschaft seine Worte sorgfältig wägen, um jeder Mißdeutung vorzubeugen und Vorsicht in allen Stücken zu üben. Durch Erfahrung wird der Mensch nicht besser, aber vorsichtiger und wortkarger im Verkehr mit andern.

Coutelle/Bodenstedt (Hg.), Pharus am Meere des Lebens. Anthologie für Geist und Herz, hg. von Carl Coutelle und Friedrich Bodenstedt, 24. Auflage 1896 (EA: 1833)

Gewöhne dich – da stets der Tod dir dräut – Dankbar zu nehmen, was das Leben beut.

Bodenstedt, Die Lieder des Mirza-Schaffy, 1851. Vermischte Gedichte und Sprüche

Nehmt hin mit Weinen oder Lachen, Was euch das Schicksal gönnt: Kein König kann euch glücklich machen, Wenn ihr es selbst nicht könnt!

Bodenstedt, Aus dem Nachlasse Mirza-Schaffys, 1874. Drittes Buch: Buch der Sprüche

Was kommen soll, kommt nicht ohne unser Zutun, aber anders als wir denken. Der Mensch ist nicht Herr seiner Taten; wie rein unser Wollen auch sein möge: unser Handeln wird bestimmt durch eine Menge Antriebe und Verhältnisse, die außer uns liegen, aber in uns wirken.

Bodenstedt, Die letzten Falkenburger, 1887

Das Glück der Ehe kann nur offenbaren, Wer es gesegnet an sich selbst erfahren.

Coutelle/Bodenstedt (Hg.), Pharus am Meere des Lebens. Anthologie für Geist und Herz, hg. von Carl Coutelle und Friedrich Bodenstedt, 24. Auflage 1896 (EA: 1833)

Die eigentliche Prüfungszeit beginnt erst mit der Ehe. Es ist leichter zusammenzukommen als glücklich beisammenzubleiben.

Bodenstedt, Die letzten Falkenburger, 1887

Ein schönes Alter ist des Lebens Krone; Nur dem, der sie verdient, wird sie zum Lohne! Wer lange trug des Daseins schwere Bürde Und alt sein Haupt noch aufrecht hält mit Würde, Gibt dadurch Zeugnis, daß er seinem Leben Von Jugend auf den rechten Halt gegeben.

Coutelle/Bodenstedt (Hg.), Pharus am Meere des Lebens. Anthologie für Geist und Herz, hg. von Carl Coutelle und Friedrich Bodenstedt, 24. Auflage 1896 (EA: 1833)

Und steigen auch in der Jahre Lauf, Wenn der Tag des Lebens vollbracht ist, Erinnerungen gleich Sternen auf: Sie zeigen nur, daß es Nacht ist.

Bodenstedt, Tausend und ein Tag im Orient, 2 Bde., 1850

Zur Wahrheit führen rauhe, dunkle Bahnen. Erst später erfüllt sich, was wir früh schon ahnen.

Bodenstedt, Aus dem Nachlasse Mirza-Schaffys, 1874. Viertes Buch: Cypressen und Rosen, 12.

Der Kaufherr, der weithin schickt seine Waren, Überläßt seinen Schiffern des Meeres Gefahren; Der Taucher nach Perlen im Meeresgrunde Schmückt sich niemals selbst mit dem kostbaren Funde; Nicht die Gefallenen der blutigen Kriege, Nur die noch Lebenden feiern die Siege. Wohin ich sehe, wohin ich wandre: Ein Opfer ist unser Leben für andre.

Bodenstedt, Aus Morgenland und Abendland, 1882

Ein Mann, der nach dem Wahren strebt und Rechten, Ist ein lebendiger Vorwurf für die Schlechten.

Bodenstedt, Die Lieder des Mirza-Schaffy, 1851. Aus: Sadi und der Schah

Ihr mögt von Kriegs- und Heldenruhm So viel uns, wie ihr wollt, verkünden, Nur schweigt von eurem Christentum, Gepredigt aus Kanonenschlünden! Bedürft ihr Proben eures Muts, So schlagt euch wie die Heiden weiland, Vergießt so viel ihr mögt des Bluts, Nur redet nicht dabei vom Heiland. [...] Noch gläubig schlägt das Türkenheer Die Schlacht zum Ruhme seines Allah – Wir haben keinen Odin mehr, Tot sind die Götter von Walhalla. Seid was ihr wollt, doch ganz und frei, Auf dieser Seite wie auf jener; Verhaßt ist mir die Heuchelei Der kriegerischen Nazarener.

Bodenstedt, F., Gedichte. Zeit- und Gelegenheitsgedichte. Aus: Die kriegerischen Nazarener, 1854

Verstand ist ein zweischneidig Schwert Aus hartem Stahl mit blankem Schliff. Charakter ist daran der Griff, Und ohne Griff ist's ohne Wert.

Bodenstedt, Die Lieder des Mirza-Schaffy, 1851