Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799)

120 Sprüche Aufklärung

Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern! Aber da liegen sie zu Hunderten, ohne einander zu nützen.

Lichtenberg, Sudelbuch K, 1793-1796. [K 30]

Wenn ich ehedem in meinem Kopfe nach Gedanken oder Einfällen fischte, so fing ich immer etwas; jetzt kommen die Fische nicht mehr so. Sie fangen an sich auf dem Grunde zu versteinern, und ich muß sie heraushauen. Zuweilen bekomme ich sie auch nur stückweise heraus, wie die Versteinerungen vom Monte Bolca, und flicke daraus etwas zusammen.

Lichtenberg, Sudelbuch K, 1793-1796. [K 33]

Jedes Männchen von Gedanken fand sein Weibchen. Oder die Ideen in seinem Kopf müssen entweder lauter Männchen oder lauter Weibchen gewesen sein. Denn es hat sich nie ein neuer erzeugt.

Lichtenberg, Sudelbuch J, 1789-1794. [J 740]

Der Gedanke hat in dem Ausdruck noch zu viel Spielraum, ich habe mit dem Stockknopf hingewiesen, wo ich mit der Nadelspitze hätte hinweisen sollen.

Lichtenberg, Sudelbuch D, 1773-1775. [D 96]

Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn aus der Taufe, der Dritte zeugt Kinder mit ihm, der Vierte besucht ihn am Sterbebette, und der Fünfte begräbt ihn.

Lichtenberg, Sudelbuch H, 1789-1793. [H 107]

Einige kommen auf einen Gedanken, andere stoßen darauf, andere fallen darauf, andere verfallen darauf (hier fehlt noch das zerfallen), auch gerät man darauf. Man sagt nicht, ich habe mich nach dem Gedanken hinbegeben. Das wäre via regia.

Lichtenberg, Sudelbuch J, 1789-1794. [J 756]

Ich glaube der schlechteste Gedanke kann so gesagt werden, daß er die Wirkung des besten tut, sollte auch das letzte Mittel dieses sein, ihn einem schlechten Kerl in einem Roman oder Komödie in den Mund zu legen.

Lichtenberg, Sudelbuch D, 1773-1775. [D 275]

Eine Gedanken fliehende Kraft.

Lichtenberg, Sudelbuch B, 1768-1771. [B 318]

Das Bekehren der Missetäter vor ihrer Hinrichtung läßt sich mit einer Art von Mästung vergleichen, man macht sie geistlich fett, und schneidet ihnen hernach die Kehle ab, damit sie nicht wieder abfallen.

Lichtenberg, Sudelbuch C, 1772-1773. [C 206]

Ist es nicht sonderbar, daß die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungerne nach ihren Vorschriften leben?

Lichtenberg, Sudelbuch L, 1796-1799. [L 705]

Ich kann mir eine Zeit denken, welcher unsere religiösen Begriffe so sonderbar vorkommen werden, als der unsrigen der Rittergeist.

Lichtenberg, Sudelbuch H, 1789-1793. [H 128]

Sie sprechen für ihre Religion nicht mit der Mäßigung und Verträglichkeit, die ihnen ihr großer Lehrer mit Tat und Worten predigte, sondern mit dem zweckwidrigen Eifer philosophischer Sektierer, und mit einer Hitze, als wenn sie Unrecht hätten. Es sind keine Christen, sondern Christianer.

Lichtenberg, Sudelbuch H, 1789-1793. [H 131]

Die Religion eine Sonntags-Affaire.

Lichtenberg, Sudelbuch L, 1796-1799. [L 368]

Da sie sahen, daß sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, so schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab.

Lichtenberg, Sudelbuch D, 1773-1775. [D 581]

Daß die Religion selbst Kriege veranlaßt hat, ist abscheulich.

Lichtenberg, Sudelbuch H, 1789-1793. [H 53]

Den Menschen so zu machen, wie ihn die Religion haben will, gleicht dem Unternehmen der Stoiker; es ist nur eine andere Stufe des Unmöglichen.

Lichtenberg, Sudelbuch G, 1779-1788. [G 65]

Sollten es nicht die guten Menschen sein, die die Religion verehren; anstatt daß die Religion die guten Menschen macht?

Lichtenberg, Sudelbuch K, 1793-1796. [K 73]

Seltsam, dass die Menschen so gern für ihre Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben.

Lichtenberg, Sudelbuch L, 1796-1799. 705

Nicht alle, die Wohlgeboren sind[, sind] Wohlgestorben, oder im Reich der Toten Hochedelgestorbene.

Lichtenberg, Sudelbuch E, 1775-1776. [E 372]

Die Furcht vor dem Tod, die den Menschen eingeprägt ist, ist zugleich ein großes Mittel, dessen sich der Himmel bedient, sie von vielen Untaten abzuhalten, vieles wird aus Furcht vor Lebensgefahr oder Krankheit unterlassen.

Lichtenberg, Sudelbuch A, 1765-1770. [A 40]

Man fängt seine Testamente gewöhnlich damit an, daß man seine Seele Gott empfiehlt. Ich unterlasse dieses mit Fleiß, weil ich glaube, daß solche Rekommendationen wenig fruchten, wenn sie nicht durch das ganze Leben vorausgegangen sind, solche Rekommendationen sind Galgenbekehrungen; eben so leicht als unwirksam.

Lichtenberg, Sudelbuch L, 1796-1799. [L 227]