Helene Gräfin von Waldersee
Glück und Verdienst zu verwechseln, ist eine Geschicklichkeit der Weltklugen.
Glück macht milde und großmütig; es will unwillkürlich auch andern aus seiner Fülle mitteilen.
Wieviel sogenanntes Glück ist auf Unwahrheit aufgebaut!
Es gibt Augenblicke des Glückes, deren leuchtende Erinnerung noch jedes spätere Dunkel durchbricht, jenen Sternen gleich, die, längst erloschen, ihr Licht noch durch die Nächte senden.
Gewohnheit lähmt die Flügel der Liebe.
Wer Tränen ernten will, muß Liebe säen.
Häßlicher als Haß ist nur eins: erheuchelte Liebe.
Die Menschen, die der Superlativ der Liebe beglückte, haben meist auch den Superlativ des Leides zu tragen; der Durchschnitt lernt beides nicht kennen.
Gleichbleibende Güte gegen jemanden, den wir bemitleiden, fordert nicht allzuviel Liebe; aber gleichbleibende Güte gegen den, der uns überwächst und in den Schatten stellt, die bedingt wahre Liebe.
Liebe ist stärker als Haß und vergebende Güte machtvoller als Rache.
Es bleibt dabei: Lieben und über alles geliebt zu werden, ist das größte, wahrste Glück.
Wir lieben oft mehr "trotzdem" als "weil".
Wer kann sagen, woher er plötzlich kommt: der Duft, der Klang, der Weckruf, der eines Herzens Empfinden lebendig macht bis in die Tiefe, bis zu der Stelle, da wir meinten, etwas für immer begraben zu haben, was nun erwacht und aufersteht zu alter, unsterblicher Macht!
Es gibt eine Liebe, die treibt duftende Blumen, und eine, die zieht nahrhafte Gemüse; die beiden können sich weder verstehen noch würdigen, ob sie auch wollen, und das bringt viel Herzeleid und viel Sünde in die Welt!
Manche Menschen lieben wir mehr, wenn wir mit ihnen zusammen sind, für andre dagegen wachsen in der Trennung unsrer Liebe erst Schwingen, und wir werden uns dann ihrer Kraft gerade voll bewusst; mir scheint, diese Liebe ist die tiefere und ihr Gegenstand der wertvollere.
Nicht die augenblickliche Kraft eines Gefühls, nein, die Dauer entscheidet über seinen Wert.
Denen, die uns am bittersten kränkten, uns unheilbar verwundeten, Liebe zu erweisen, ist der Weg des Friedens für das eigne Herz.
Es ist oft eine Umschreibung, zu sagen: "Die Zeit vergeht," um nicht zu sagen: Das Leben vergeht.
Gräber kränzen und den Lebenden die Blumen am Wege weigern: das ist trauriges Tun!
Ein kalter Frühling ist für die Natur dasselbe wie für den Menschen eine traurige Jugend; kein später Sonnenschein vermag die Schäden ganz zu heilen.
Manche Leute führen Seiltänzerexistenzen; sie halten sich nur mit Balanzierstangen aufrecht, erfassen vor dem Absturz schnell ein rettendes Seil, schaukeln sich aber gleich wieder lächelnd daran hin und her in erheuchelter Sicherheit, ihr Publikum dabei von oben herab grüßend.