Helene Gräfin von Waldersee
In der Sonne ist man gerne müßig; die Arbeit aber tut man besser im Schatten.
Die Hoffnung meidet der Wahrheit unbestechlichen Blick, denn er erschüttert sie fast jedesmal.
Die zäheste Begleiterin des Menschen ist die irdische Hoffnung! Sie drängt sich mit ihrem unwahren Lächeln noch in die Sterbezimmer! Und wir armen Menschen können nicht leben, leiden und sterben ohne sie!
Das Beste in der Welt bleibt ohne Dank.
Ein wohltuender Dank ist noch viel seltener als ein wohltuendes Geben.
Dankbarkeit ist eine Schuld, die viele durch Ableugnen zu löschen vermeinen.
Das Danken ist eine rechte Probe aufs Liebhaben; wo man liebt, dankt man gern.
Aus einem Herzen, das schuldiger Dank drückt und erbittert, ist die Liebe geschieden.
Ist es wirklich Pflicht, ein krankes, schwaches Leben nach Möglichkeit noch zu verlängern? Ist ein schnelles Verflackern nicht besser, wo die Flamme noch bis zuletzt wärmen und leuchten kann, anstatt eines langsamen, trüben Verglimmens?
Man staunt oft über den lachenden, tanzenden Leichtsinn der Menschen, die es doch alle wissen, dass jeder Schritt sie ganz bestimmt dem Tode entgegenführt!
Gerade die Menschen, die andre durch Verwöhnung zu Egoisten erzogen, wollen die Folgen ihres Tuns am wenigsten ertragen und sind oft ihrer Opfer schärfste Richter.
Manche Ehen erinnern unwillkürlich an das ungleiche Gespann eines Pferdes mit einem Rind.
Auch die späten Jahre haben ihre Puppenspiele!
Die Jugend fragt: Wie bist Du? – Die reifen Jahre fordern Antwort auf die Frage: Was bist Du?
In späteren Jahren erstaunt man nur noch selten; aber die Gedankenleere, die Armut und Enge manches inneren Lebens, die bleibt immer wieder erstaunlich!
Im Alter "übrigbleiben", wie es die tiefsinnige deutsche Sprache nennt, das ist das Schwerste!
Gerade die späten Jahre bedürfen einer vertrauten, tröstenden Gemeinschaft, einer Stütze, – vor allem: der Liebe! – und gerade die letzte Wegstrecke müssen viele allein gehen!
Die meisten werden mit den Jahren weitsichtig; mir scheint dies eine, dem Alter erteilte, feine Lehre: Kleinigkeiten in der Nähe allmählich übersehen zu lernen, um den klaren Blick in eine große Ferne zu schärfen.
Wie die sinkende Sonne die Erde umfasst: ihre Strahlen in warmes Rot getaucht, das nicht mehr blendet und versengt, nur noch wohltut und erfreut: so soll das alternde Herz, ehe es scheidet, seine Liebeskraft in milde, warme Güte tauchen und damit die Menschen umfassen.
Die Stimme der Wahrheit siegt selten durch Majorität.