Helene Gräfin von Waldersee

47 Sprüche

Echter Humor ist Gemütssache.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

In der Sonne ist man gerne müßig; die Arbeit aber tut man besser im Schatten.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Die Hoffnung meidet der Wahrheit unbestechlichen Blick, denn er erschüttert sie fast jedesmal.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Die zäheste Begleiterin des Menschen ist die irdische Hoffnung! Sie drängt sich mit ihrem unwahren Lächeln noch in die Sterbezimmer! Und wir armen Menschen können nicht leben, leiden und sterben ohne sie!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Das Beste in der Welt bleibt ohne Dank.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Ein wohltuender Dank ist noch viel seltener als ein wohltuendes Geben.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Dankbarkeit ist eine Schuld, die viele durch Ableugnen zu löschen vermeinen.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Das Danken ist eine rechte Probe aufs Liebhaben; wo man liebt, dankt man gern.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Aus einem Herzen, das schuldiger Dank drückt und erbittert, ist die Liebe geschieden.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Ist es wirklich Pflicht, ein krankes, schwaches Leben nach Möglichkeit noch zu verlängern? Ist ein schnelles Verflackern nicht besser, wo die Flamme noch bis zuletzt wärmen und leuchten kann, anstatt eines langsamen, trüben Verglimmens?

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Man staunt oft über den lachenden, tanzenden Leichtsinn der Menschen, die es doch alle wissen, dass jeder Schritt sie ganz bestimmt dem Tode entgegenführt!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Gerade die Menschen, die andre durch Verwöhnung zu Egoisten erzogen, wollen die Folgen ihres Tuns am wenigsten ertragen und sind oft ihrer Opfer schärfste Richter.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Manche Ehen erinnern unwillkürlich an das ungleiche Gespann eines Pferdes mit einem Rind.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Auch die späten Jahre haben ihre Puppenspiele!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Die Jugend fragt: Wie bist Du? – Die reifen Jahre fordern Antwort auf die Frage: Was bist Du?

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

In späteren Jahren erstaunt man nur noch selten; aber die Gedankenleere, die Armut und Enge manches inneren Lebens, die bleibt immer wieder erstaunlich!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Im Alter "übrigbleiben", wie es die tiefsinnige deutsche Sprache nennt, das ist das Schwerste!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Gerade die späten Jahre bedürfen einer vertrauten, tröstenden Gemeinschaft, einer Stütze, – vor allem: der Liebe! – und gerade die letzte Wegstrecke müssen viele allein gehen!

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Die meisten werden mit den Jahren weitsichtig; mir scheint dies eine, dem Alter erteilte, feine Lehre: Kleinigkeiten in der Nähe allmählich übersehen zu lernen, um den klaren Blick in eine große Ferne zu schärfen.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Wie die sinkende Sonne die Erde umfasst: ihre Strahlen in warmes Rot getaucht, das nicht mehr blendet und versengt, nur noch wohltut und erfreut: so soll das alternde Herz, ehe es scheidet, seine Liebeskraft in milde, warme Güte tauchen und damit die Menschen umfassen.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908

Die Stimme der Wahrheit siegt selten durch Majorität.

Waldersee, Späne aus stiller Werkstatt. Aphorismen, 1908