Johann Gottfried von Herder (1744–1803)

102 Sprüche Aufklärung

Das Los der Gesegneten liegt im Genusse höherer Erkenntnis, erweiterter Tätigkeit und Seligkeit, d. i. Gottesgemeinschaft; wofür? Für geringe Taten und gegen kleine Leiden.

Werner, Herder als Theologe. Ein Beitrag zur Geschichte der protestantischen Theologie, 1871

Nicht auf dem Boden deiner Erde wandelst du, armer Mensch, sondern auf einem Dach deines Hauses, das durch viel Überschwemmungen erst zu dem werden konnte, was es dir jetzt ist.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Erster Teil. Zweites Buch. I. Unser Erdball ist eine große Werkstätte zur Organisation sehr verschiedenartiger Wesen

Lebensbetrachtung Die Jugend ist die Zeit zu lieben, Die Mannheit Liebe auszuüben, Das Alter Zeit zu ruhn. Wer will nicht gerne Jedes thun? Sonst nichts? Das will ich.

Herder, J. G., Gedichte

Die Schwimmer Das Leben ist ein stürmisch Meer; Wir schweben hin, wir schweben her, Wir streben schwer durchs Leben! O Thor, so wirf die Bürden schwer, Die Sorgenbürden wirf ins Meer! Wie leichter, nacket sterben!

Herder, J. G., Gedichte. Originaltext

Zwecke des Lebens. Zur Arbeit, Lieb’ und zur Veredlung ward das Leben uns gegeben. Fehlen die, was hat der Mensch am Leben? Hat er sie, was fehlte ihm; worüber wollt’ er klagen?

Herder, Gedanken einiger Bramanen (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792

Der Faden des Lebens hängt doch am Faden des Todes!

Herder, Liebeskind, Krummacher (Hg.), Palmblätter. Erlesene morgenländische Erzählungen für die Jugend, 4 Bde., 1786-1800. 9. Der Trost des Weisen

Die Abkunft. Rühme dich nicht des Stammes, von dessen Natur Du nicht mehr bist; was von dem glänzenden Feuer stammet, wird Asche genannt.

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Erstes Buch

Leben ist Lebens Lohn, Gefühl sein ewiger Kampfpreis.

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Der Strom des Lebens

Wir sollen nicht in uns selbst, abgetrennt und selbstsüchtig leben, sonst sind wir falbe Herbstblätter, die in der Luft flattern, um bald am Boden ganz zu ersterben.

Herder, Das Fest der Grazien (hg. von Friedrich Schiller, in: Die Horen, Stück 11), 1795

Überhaupt ist ein gemeinschaftliches Leben das Mark der wahren Freundschaft: Aufschluß und Teilung der Herzen, innige Freude aneinander, gemeinschaftliches Leid miteinander, Rat, Trost, Bemühung, Hilfe füreinander sind ihre Kennzeichen, ihre Süßigkeiten und innere Belohnung.

Herder, Liebe und Selbstheit. Ein Nachtrag zum Briefe des Hr. Hemsterhuis über das Verlangen, 1781

Gemeinschaftliche Gefahren endlich erwecken gemeinschaftlichen Mut: sie knüpfen also das dritte und edelste Band der Männer, die Freundschaft.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Zweiter Teil. 8. Buch. IV. Die Empfindungen und Triebe der Menschen

Auch in der Freundschaft ist ein Teil immer der tätige, der andere mehr beihelfend und leidend. [...] Einklang ist in dieser Ehe der Seelen weder angenehm noch nützlich, noch möglich. Konsone Töne müssen es sein, die die Melodie des Lebens und des Genusses geben, nicht unisone; sonst verliert sich die Freundschaft bald in bloße Gesellschaft.

Herder, Liebe und Selbstheit. Ein Nachtrag zum Briefe des Hr. Hemsterhuis über das Verlangen, 1781

Alles sinkt im Strom der Zeiten; Nur der Freundschaft Blume blühet Unzerstörbar auf den Wellen, Und wie schön jenseit des Stromes!

Herder, J. G., Gedichte. Grabschriften

Horst. Einzeln ist der Mensch ein schwaches Wesen; aber stark in Verbindung mit andern. Faust. Einsam mühet er sich oft umsonst. Ein Blick des Freundes in sein Herz, ein Wort seines Rates, seines Trostes weitet und hebt ihm den niedrigen Himmel, rückt ihm die Decke des Trauerns hinweg.

Herder, Salomo's Siegelring (Fortsetzung des fiktiven Gesprächs: Fama fraternitatis, oder Über den Zweck der Freimaurerei, wie sie von außen erscheint), 1813 (posthum)

Freundschaft Wie der Schatten früh am Morgen Ist die Freundschaft mit dem Bösen; Stund' auf Stunde nimmt sie ab. Aber Freundschaft mit dem Guten Wächset wie der Abendschatten, Bis des Lebens Sonne sinkt.

Herder, J. G., Gedichte

Der Weg zur Wissenschaft. Sag’ o Weiser, wodurch du zu solchem Wissen gelangtest? „Dadurch, daß ich mich nie andre zu fragen geschämt.“

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Erstes Buch

Trommel und Laute Rühre die Laute nicht, wenn ringsum Trommeln erschallen; Führen Narren das Wort, schweiget der Weise still.

Herder, Blumenlese aus morgenländischen Dichtern (= Herder's sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst, Bd. 9), Tübingen 1807. V. Vermischte Stücke, aus verschiedenen morgenländischen Dichtern

Könige und Weise. Weisere Männer bedürfen minder der Könige Freundschaft, als der König des Rats weiserer Männer bedarf.

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Zweites Buch

Der Weise geht auf seinem Wege fort die menschliche Vernunft aufzuklären, und zuckt nur denn die Achseln, wenn andre Narren von dieser Aufklärung als einem letzten Zwecke, als einer Ewigkeit reden.

Herder, Journal meiner Reise im Jahr 1769, entstanden 1769/70; Erstdruck in: E. G. v. Herder, Herders Lebensbild, 1846

Anklagen Ein Thor, der klaget Stets and're an! Sich selbst anklaget Ein halb schon weiser Mann! Nicht sich, nicht and're klaget Der Weise an.

Herder, J. G., Gedichte. Bilder und Sprüche

Der Fromme und der Weise. Werde vom Frommen ein Weiser. Der Fromme rettet sich selbst nur; aber der Weise hilft, wem und worin er es kann.

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Erstes Buch