Johann Gottfried von Herder (1744–1803)

102 Sprüche Aufklärung

Die erste und letzte Philosophie ist immer Religion gewesen. Auch die wildesten Völker haben sich darin geübt, denn kein Volk der Erde ist völlig ohne sie, sowenig als ohne menschliche Vernunftfähigkeit und Gestalt, ohne Sprache und Ehe, ohne einige menschliche Sitten und Gebräuche gefunden worden.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Erster Teil. Viertes Buch. 6. Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet

Uns ist Religion die Polizei, und ihre Diener sind ein stehend Heer.

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Schwungkräfte der Menschheit

Endlich ist die Religion die höchste Humanität des Menschen [...].

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Erster Teil. Viertes Buch. VI. Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet

Sogleich folget [...], daß sich die religiöse Tradition keines andern Mittels bedienen konnte, als dessen sich die Vernunft und Sprache selbst bediente, der Symbole. Muß der Gedanke ein Wort werden, wenn er fortgepflanzt sein will, muß jede Einrichtung ein sichtbares Zeichen haben, wenn sie für andre und für die Nachwelt sein soll: wie konnte das Unsichtbare sichtbar oder eine verlebte Geschichte den Nachkommen aufbehalten werden als durch Worte oder Zeichen?

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Zweiter Teil. 9. Buch. V. Religion ist die älteste und heiligste Tradition der Erde

Wahre Religion also ist ein kindlicher Gottesdienst, eine Nachahmung des Höchsten und Schönsten im menschlichen Bilde, mithin die innigste Zufriedenheit, die wirksamste Güte und Menschenliebe.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Erster Teil. Viertes Buch. VI. Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet

Der frühe Tod. Weine nicht o Mutter, daß ich zu frühe gestorben; kurzes Leben ist ja kurzes verschwundenes Leid.

Herder, Blumen, aus der Griechischen Anthologie gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 1. und 2. Sammlung), 1785-86. Erste Sammlung. Drittes Buch

Die Wünsche. Sterbliche sind wir und sterblich sind all’ unsere Wünsche: Leid und Freude, sie gehn oder wir gehen vorbei.

Herder, Blumen, aus der Griechischen Anthologie gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 1. und 2. Sammlung), 1785-86. Erste Sammlung. Zweites Buch

Jeder Mensch hat sein eignes Schicksal, weil jeder Mensch seine Art zu sein und zu handeln hat.

Herder, Das eigene Schicksal (in: Die Horen, Erster Jahrgang, Drittes Stück), 1795

Dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat deines Charakters.

Herder, Das eigene Schicksal (in: Die Horen, Erster Jahrgang, Drittes Stück), 1795

Nenne nicht das Schicksal grausam, Nenne seinen Schluß nicht Neid! Sein Gesetz ist ew'ge Wahrheit, Seine Güte Götterklarheit, Seine Macht Notwendigkeit. Blick umher, o Freund, und siehe Sorgsam, wie der Weise sieht! Was vergehen muß, vergehet; Was bestehen kann, bestehet; Was geschehen will, geschieht.

Herder, J. G., Gedichte. Aus: Die Schwestern des Schicksals

Schicksal Wie du im Herzen glaubst, so wird dir das Schicksal begegnen; was du an andern tust, wird dir von andern geschehn.

Herder, J. G., Gedichte. Epigramme

Was die Schickung schickt, ertrage.

Herder (Hg.), Adrastea (Zeitschrift), 1801-03/04 (11. und 12. Stück hg. durch seinen Sohn W. G. von Herder). Aus: Die wiedergefundnen Söhne

Überhaupt ist das Los des Menschen und seine Bestimmung zur irdischen Glückseligkeit weder ans Herrschen noch ans Dienen geknüpfet. Der Arme kann glücklich, der Sklave in Ketten kann frei sein; der Despot und sein Werkzeug sind meistens, und oft in ganzen Geschlechtern, die unglücklichsten und unwürdigsten Sklaven.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Zweiter Teil. Neuntes Buch. IV. Die Regierungen sind festgestellte Ordnungen unter den Menschen, meistens aus ererbter Tradition

Je in einen größern Chor der Harmonie, Güte und Weisheit aber diese meine Mutter gehört, je fester und herrlicher die Gesetze sind, auf der ihr und aller Welten Dasein ruhet, je mehr ich bemerke, daß in ihnen alles aus einem folgt und eins zu allem dienet, desto fester finde ich auch mein Schicksal nicht an den Erdenstaub, sondern an die unsichtbaren Gesetze geknüpft, die den Erdenstaub regieren. Die Kraft, die in mir denkt und wirkt, ist ihrer Natur nach eine so ewige Kraft als jene, die Sonnen und Sterne zusammenhält; ihr Werkzeug kann sich abreiben, die Sphäre ihrer Wirkung kann sich ändern, wie Erden sich abreiben und Sterne ihren Platz ändern; die Gesetze aber, durch die sie da ist und in andern Erscheinungen wiederkommt, ändern sich nie. Ihre Natur ist ewig wie der Verstand Gottes, und die Stützen meines Daseins (nicht meiner körperlichen Erscheinung) sind so fest als die Pfeiler des Weltalls. Denn alles Dasein ist sich gleich, ein unteilbarer Begriff, im Größesten sowohl als im Kleinsten auf einerlei Gesetze gegründet. Der Bau des Weltgebäudes sichert also den Kern meines Daseins, mein inneres Leben, auf Ewigkeiten hin.

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 4 Bde., 1784-91. Erster Teil. Erstes Buch. I. Unsre Erde ist ein Stern unter Sternen

Das Schicksal. Träget das Schicksal dich; so trage du wieder das Schicksal. Folg ihm willig und froh; willt du nicht folgen, du mußt.

Herder, Blumen, aus der Griechischen Anthologie gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 1. und 2. Sammlung), 1785-86. Erstes Buch

Die Bestimmung. Tränen und Seufzer löschen nicht aus die Tafel des Schicksals; Bitten und Schmeichelein ändern kein Pünktchen auf ihr. Kümmerte sich der Engel, der über die Winde gesetzt ist, ob sein brausender Hauch irgendein Lichtchen verweh’?

Herder, Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammlet (in: Zerstreute Blätter, 4. Sammlung), 1792. Zweites Buch

Lassen Sie den Schicksalsfaden leise laufen, wie er läuft, ohne ihn reißen und aufhalten zu wollen: so geht er desto sichrer seinen Gang, und findet sich wieder in unsre Hand, vielleicht wenn wir's am wenigsten gedenken und hoffen.

Herder, J. G., Briefe. An Karoline Flachsland, 20. April 1771

Bildung der Denkart, der Gesinnungen und Sitten ist dieeinzigeErziehung, die diesen Namen verdient, nicht Unterricht, nicht Lehre.

Herder, J. G., Briefe zur Beförderung der Humanität, 1793-97. Vierte Sammlung, 1794, 49.

Wer am Gipfel des Baums Früchte sehen will, der nähre seine Wurzel.

Herder, Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele (alternativer Titel: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele), entstanden 1774, Erstdruck 1778 (anonym). Zweiter Abschnitt. Prüfung des wechselseitigen Einflußes beider Kräfte in- und der Abhängigkeit beider Kräfter von einander

Ehe heißt Ordnung; sie ist der älteste und schönste Orden, den der Schöpfer selbst, im Paradiese, (ehe Sünde und Ungemach da war), gestiftet und mit seinem Segen beehrt hat.

Herder, J. G., Predigten. Über die Heiligkeit und Bedeutung der Ehe. Logen-Rede, am Silvesterabend 1801 gehalten von Fr. Ludw. Schröder nach einer von Herder gelieferten Vorlage

Das erste und festeste Band in der menschlichen Gesellschaft, das auch der Grund zu allen übrigen Verbindungen unseres Geschlechts ist, ist die Verbindung der Ehe, das festeste und innigste Band, das unter Menschen sein kann … Ein solches Band schließt auch die festeste Freundschaft ein, die in der Welt stattfindet.

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