Otto von Leixner (1847–1907)

63 Sprüche Romantik

Wer in Kamtschatka Gefrorenes feilhält, darf sich nicht wundern, daß sein Geschäft nicht geht. Der Satz läßt sich auch bildlich auf das Geistige anwenden. Die Leute kaufen nur Gedanken, die sie gebrauchen können.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Der Mensch ohne Religion verarmt im Gemüt. Für diese Verarmung gibt es kein Heilmittel. Und besäßest du alle Schätze und blendenden Geist, dein Zustand wäre nur glänzendes Elend.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Als großes Los im Leben mir Ein seltsam Ding erscheint: Wenn über das man lächeln kann, Was einst man hat beweint.

Leixner, Herbstfäden, 1886

Die beste Erziehung ist jene, die einen festen, gesunden Grund legt zur Selbsterziehung.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Kein größeres Unglück gibt es für Kinder, als in einer Ehe aufzuwachsen, wo in Erziehungsfragen der Wille des Vaters und der Mutter nebeneinander zur Geltung zu kommen streben. Solche Kinder treten zumeist mit gebrochenem Willen ins Leben.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Je edlere Beweggründe zur Ehe führen, desto mehr werden die Anklagen gegen sie verstummen; desto höher werden Mann und Weib in der sittlichen Vervollkommnung gelangen; desto gesunder werden Söhne und Töchter sein. Dann aber wird das Heim wieder der feste Grund für den Aufbau des Staates und der Menschheit sein.

Leixner, Laien-Predigten für das deutsche Haus. Ungehaltene Reden eines Ungehaltenen, 1894

Eine Münze Kopfseite. Es sei die Frau der Ehe Herz, Der Mann, er sei der Geist. So sind Die beiden dann im treuen Bund Erst ein vollendet Menschenkind. Schriftseite. Er ist zu reichem Weib gekommen. Sie hat sich ihn zur Frau genommen.

Leixner, Aus der Vogelschau, 1890

Die meisten Frauen gehorchen dem Manne sehr gern; nur muß er verlangen, was sie selber wollen.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Frauenliebe O glücklich, wer ein Weib gefunden, Das Treue hält in bittern Stunden. Es kann nicht Gold und Edelstein Gleich ihrer Liebe köstlich sein. Mit milder Hand und gutem Wort Scheucht sie von dir den Kummer fort. Und aus dem lieben Angesicht, Da strahlt ein tröstend Sonnenlicht. Im Winterschnee das Tannengrün, In dunklen Nächten Sternenglühn. Ein frischer Quell in Wüstenein, Er könnte nicht so tröstlich sein. Hat auch das Glück gewendet sich, Sie schlingt den treuen Arm um dich. Wenn nichts in Treue zu dir hält Mein Lieben nie zusammenfällt. Ich trage gern mit dir die Not, Und hab' genug an trock'nem Brot, Ich misse nicht des Lebens Lust, Wenn du mich hegst an deiner Brust! O glücklich, wer ein Weib gefunden, Das Treue hält in bittern Stunden!

Leixner, Aus der Vogelschau, 1890

Die Frau, die gern das Haus verläßt, Trägt mit hinaus des Glückes Rest.

Leixner, Aus der Vogelschau, 1890

Die Abenddämmerung ist Morgenrot für die andere Erdenhälfte. Mensch, der du dem Ende entgegenwandelst, gedenke dessen immerdar!

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Du willst mit nüchternem Verstand das Göttliche beweisen? Das heißt, nach einem Fabelland auf Eisenbahnen reisen.

Leixner, Aus der Vogelschau, 1890

Im Meinungskampf zu allen Zeiten Die gleichen Waffen Sieg erstreiten: Es sind die schärfsten Zungen Und allerstärksten Lungen. Da hat die Wahrheit liebe Not – Sie wird zumeist geschlagen tot.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Nicht wir finden die Wahrheit; sie findet uns.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Der Menge stets zu schmeicheln, ist ein Zeichen von niedriger Gesinnung; ihr stets grobe Wahrheiten zu sagen, spricht für Hochmut und Lieblosigkeit.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Viele sagen die Wahrheit nur dann, wenn sie eine Bosheit damit verknüpfen können.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Urteile nicht abschließend über einen Menschen, ehe du nicht weißt, wie er sich bei Erbschaftsangelegenheiten betragen hat. Ich habe manchen für feinfühlig, rücksichtsvoll und gutherzig gehalten, der urplötzlich eine fast gemeine Ichsucht entfaltete, als es die Teilung eines Nachlasses galt.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Einer der feinsten Genüsse des Menschenkenners besteht darin, zu erleben, wie bei seinem Mitmenschen die ursprüngliche Empfindung in Berechnung übergeht und Berechnung zur Natur wird.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896

Es nennt ›Charakter‹ sich so mancher Narr, Der in der Blüte schon geworden starr; Von dem wird dann als ›Renegat‹ behandelt, Wer sich indessen hat zur Frucht gewandelt.

Leixner, Aus der Vogelschau, 1890

Jeder, der ein anständiger Mensch zu scheinen strebt, bekennt unbewußt, daß er es sein müßte.

Leixner, Der Weg zum Selbst, 1905

Für menschliche Güte und menschliche Schlechtigkeit gibt es keine bestimmenden Grenzen. Spricht man von Gottinnigkeit, sollte man auch von Teufelsinnigkeit sprechen können. Es gibt beides.

Leixner, Aus meinem Zettelkasten. Sprüche aus dem Leben für das Leben, 1896