Paul Ernst (1866–1933)

34 Sprüche Realismus

Ich meine, daß ich eines vor allen Dingen gebrauche: Glück. Und ich habe immer gefunden, daß das Glück sich von den bescheidenen und bedächtigen Leuten zurückzieht.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921. Antonius

Wenn Leute sich lieben, dann bleiben sie jung für einander.

Ernst, Liebesgeschichten, 1930

Solches sind die Werke der Liebe in uns, daß sie unsre schlechteste Eigenschaft überwindet, nämlich den Dünkel, der nichts umsonst empfangen will.

Ernst, Der schmale Weg zum Glück, 1904

Es ist etwas Furchtbares um die Liebe; wenn sie uns nicht edler macht, so macht sie uns schlechter, auch gegen unsern Willen; und in den meisten Fällen wird es bei einem Liebesverhältnis so sein, daß der eine Teil besser wird und der andere schlechter; denn dieses Gemeine ist im Menschen verborgen, daß er Güte mißbrauchen muß.

Ernst, P., Novellen. Aus den Aufzeichnungen des Musikers

Die Brautwerbung Der Vater mit dem Sohn zur Tenne geht. Da kniet der Sohn auf eine Garbe hin, Und löst das Band; da breitet's flach sich aus; Breitbeinig stehn die beiden nun, im Takt Die Flegeln fallen nieder auf das Stroh. Und wie es klippt und klappt, da springt das Korn; Zur einen Seite wird das Stroh gehäuft, Zur andern wird das Korn gefegt. Der Vater auf den Flegel steht gestützt, Und schaut, wie rasch der Sohn den Besen schwingt. Da sagt er still: "So werd ich denn nun alt; Auch deine Mutter ist nun müde schon, Und eine junge Frau gehört ins Haus." Dem Jüngling flammt die Röte ins Gesicht Bis hin zum Haar; er fegt das Korn und schweigt. Der Vater spricht: "Du bist ein guter Mann. Ich habe deine Mutter lieb gehabt. Im Gottesacker ruht mein Vater nun. Er war ein guter Mann. Auf unserm Hof Die Männer waren immer gut und Fraun. Ich weiß es wohl, wohin dein Herz dir steht. Ich habe nie ein Wort gesagt zu dir. Zu schämen brauchst du nicht dich deiner Wahl. Mit meinem Segen führst die Braut du heim." Wortlos den Besen in die Ecke stellt Der junge Mann, die neue Garbe wirft Und bindet auf, den Flegel nimmt zur Hand; Der Vater hebt und klippt den ersten Schlag, Es klappt der Sohn den zweiten Schlag; nun geht Im Takt das Dreschen weiter bis zum Schluß. Am Feierabend aber steht am Zaun Das Mädchen, mit dem Schürzenbunde spielt, Und auf dem Weg vor ihr der Bursche steht. Die Wange wird ihr rot, die Träne steigt Ihr zum gesenkten Auge. Ihren Blick Erhebt sie da und sagt zu ihm: "Ich will."

Ernst, Beten und Arbeiten. Gedichte, 1932

Unser Leben ist ja nicht ein feiges Ruhen und Genießen, es ist ein hartes Kämpfen und Arbeiten, und glücklich der Mensch, glücklich die Zeit, die am härtesten kämpfen und arbeiten dürfen.

Ernst, Das Drama als gesellschaftsbildende Macht. Ein Vortrag, 1929

Ich für mich kann das ganze Leben eines Menschen in seinen Verflechtungen nur als ein göttliches Geheimnis – nicht: verstehen, sondern: betrachten.

Ernst, Grundlagen der neuen Gesellschaft, 1929

Unser Leben hat den Sinn, die Aufgabe zu lösen. Aber das ist nicht eine kurze Rechnung. Das Rechnen der Aufgabe nimmt das ganze Leben in Anspruch, erst auf dem Sterbebett können wir es abschließen.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921

Die heutigen Menschen glauben, daß man die[] Arbeit so einrichten müsse, daß sie möglichst viel Ertrag abwerfe [...]. Das ist ein falscher Glaube; man muß die Arbeit so einrichten, daß sie die Menschen beglückt.

Ernst, Grundlagen der neuen Gesellschaft, 1929

Man nahm die Verhältnisse, in denen man [um 1860] lebte, als gottgegeben an und verwendete alle seine Kräfte, um in ihnen auszukommen. Damals wurden in unserm Volk die Charaktere entwickelt, durch deren Tätigkeit unser Volk die Achtung der Welt errang.

Ernst, Jugenderinnerungen, 1928

Nicht mehr die gottgewollte Arbeit um das tägliche Brot und der Wille, sittlich und geistig weiter zu kommen, gaben [nach 1870] den Inhalt des Lebens ab, sondern die Sucht, wirtschaftlich höher zu steigen.

Ernst, Jugenderinnerungen, 1928

Die Arbeit ist der Mittelpunkt für das Wesen jedes Menschen. Wer in seiner Arbeit zufrieden ist, der ist zufrieden. Zufrieden aber kann ein Mensch nur in freier Arbeit sein, mit welcher er sich bewußt in die große Arbeit seines Volkes einreiht, mag sein Teil an der großen Arbeit noch so geringfügig sein.

Ernst, Grundlagen der neuen Gesellschaft, 1929

Wichtig [...] ist [...], daß unsere Arbeiter es durch ihre Politik [...] erreicht haben, daß sie die Sklaven der übrigen Welt sind.

Wachler (Hg.), Der Denker Paul Ernst. Ein Weltbild in Sprüchen aus seinen Werken, gesammelt von Max Wachler, München 1931

Dem Arbeiter selbst ist […] die Arbeitsfreude genommen. Aber das höchste Glück des Mannes ist das Arbeitsglück. Wenn das aus der Welt verschwindet, dann müssen die Menschen entarten.

Wachler (Hg.), Der Denker Paul Ernst. Ein Weltbild in Sprüchen aus seinen Werken, gesammelt von Max Wachler, München 1931

Wer sein Brot verdient, der ist nie überflüssig und fühlt sich auch nicht so.

Ernst, Die Zerstörung der Ehe, 1917

Wie viel Menschen waren schon hienieden, Die nun alle sind dahingeschieden: Baum und Gras, und Lehm und Wand und Stein, Alles mochte einst in Menschen sein, Anders angeordnet nur die Teile. Wenn die Rose haucht zu dir: "Verweile", Und der Felsen rollend ruft: "Entflieh!" – In verlebten Zeiten waren sie Liebste oder Feind – und was sind Zeiten? Drehn wir uns ja doch in Ewigkeiten.

Ernst, Gedichte und Sprüche, 1934

Die Zeit verrinnt, es kommt der Tod; Du denkst, nun ist die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist ohne Zeit, Und Abendrot ist Morgenrot.

Ernst, Gedichte und Sprüche, 1934

"Ihr seid das Salz der Erde", hast gesagt, Als auf die Erde mich entließest, Gott. Froh war ich, stolz, und habe nie geklagt. Nun muß ich bitten, denn ich bin in Not. Ich bin ein alter Mann und müder Mann. Ich möchte flehn: "Nimm mich zurück zu dir. Die Welt ist so, daß ich nicht leben kann. Ich kann nicht Salz mehr sein, was soll ich hier?" Doch eine Sünde wäre das Gebet, Denn Sünde ist es, wenn ein Mensch erschlafft, Den Gott dahin gestellt hat, wo er steht. Noch hab ich nichts, das ich gesollt, geschafft. Ich war nicht Salz bis nun. Dein Atem weht, Mein Leben geht. Gib Kraft mir, gib mir Kraft.

Ernst, Gedichte und Sprüche, 1934. Sein letztes Gedicht, St. Georgen, April 1933

Immer wieder kommen wir auf den einen Punkt: in uns selber liegen unsres Schicksals Lose.

Ernst, Zusammenbruch und Glaube, 1922

Ein liebendes Weib ist in hohem Maße das Geschöpf des Geliebten, und je bedeutender der Geliebte ist, in desto höherem Maße ist sie das: ist es doch die höchste Seligkeit des Mannes, sich selbst in der Geliebten wiederzufinden.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921

Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben, sonst gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit [...].

Ernst, Der schmale Weg zum Glück, 1904