Paul Ernst (1866–1933)

34 Sprüche Realismus

Die Sanduhr rinnt, die Zeit verrinnt, Es rinnt der Sand, es rinnt der Sand. Vor vielen Jahren war ich Kind: Wo ist denn nun mein Vaterland? Ich habe viel gedacht, gefühlt; Das ist mir fern, so weit, so weit. Ich habe lange wohl gespielt, Und unaufhörlich rinnt die Zeit. Ich sehe alles nun so klein, Im Kleinen ist wohl Leid und Streit. Das alles war ja früher mein, Nun aber kommt die Ewigkeit.

Ernst, Gedichte und Sprüche, 1934

Jedes Alter hat ja seine Meinung, und das ist nun einmal so.

Ernst, Occultistische Novellen, 1922

Man sollte [...] bedenken, daß 'Gott' für jeden Menschen etwas anderes ist, wie für jeden Menschen Welt und Ich etwas anderes ist, daß ich Gott nicht anders definieren kann als das, von dem ich mich schlechthin abhängig fühle.

Ernst, P., Novellen. Fortsetzung der Geschichte von der Taufe

Die Wahrheit ist freilich etwas Verschiedenes auf den verschiedenen Ebenen des Lebens.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921. Der Dichter

Jede Lüge vergewaltigt, denn nur die Wahrheit hat die gelassene Kraft, daß sie ruhig abwarten kann, ob die Leute zu ihr kommen.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921

Die Wahrheit schafft immer klare Lagen.

Ernst, Erdachte Gespräche, 1921

Wenn man Knabe ist, dann kann man ja noch glauben, dann denkt man, daß irgendwo die Wahrheit ist, daß man nur den Ort finden muß, wo sie ist.

Wachler (Hg.), Der Denker Paul Ernst. Ein Weltbild in Sprüchen aus seinen Werken, gesammelt von Max Wachler, München 1931

Wahrheit ist das Sprechen einer Seele zu einer vertrauten Seele.

Ernst, Saat auf Hoffnung. Roman, 1916

Nicht, was einer wirklich geschaffen, berechtigt ihn, sich zu den Göttern zu setzen, sondern ob er eine Seele hat, welche des Höchsten fähig ist.

Ernst, Der Zusammenbruch des deutschen Idealismus. An die Jugend, 1918

Wir sehen im täglichen Leben oft, daß die Menschen ein verschieden langes inneres Leben führen. Der eine lebt äußerlich achtzig oder neunzig Jahre, und auch seine Seele bildet sich immer weiter; der andere lebt äußerlich ebensolange, aber seine Seele ist mit fünfzig, mit dreißig, mit fünfzehn, mit zehn Jahren stehengeblieben; nur Erfahrung, Ausdrucksweise und äußere Umgangsformen sind dem Alter seines Leibes entsprechend.

Ernst, Der Zusammenbruch des deutschen Idealismus. An die Jugend, 1918

Vergeßt euer zufälliges irdisches Selbst, euer Selbst, das ohnehin zugrunde gehen muß durch Hunger und Krankheit, durch Verzweiflung und Aufruhr; denkt an euer ewiges, himmlisches Selbst, an eure Seele.

Ernst, Grundlagen der neuen Gesellschaft, 1929

Was zeigt untrüglich einen Edlen an? Wenn Nutzen hat von ihm und besser wird Der Mann sogar, der Böses ihm getan.

Ernst, Gedichte und Sprüche, 1934

Auf den Menschen, die sich doch nicht fügen, ruht die Zukunft der Menschheit.

Ernst, Zusammenbruch und Glaube, 1922