Paul Richard Luck (1880–1940)

49 Sprüche Realismus

Weise sind nur möglich, weil es Unweise gibt; an sich ist keiner weise.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Es gibt keinen Weisen, der sich nicht für beschränkt hielte; wie es keinen Beschränkten gibt, der sich nicht für weise hielte.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Man kann nur theoretisch gegen sein Jahrhundert kämpfen.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Gedankenarbeit ist nur insofern Vermittlerin zum Genuss der Kunst, als Gedankenarbeit die Blitzlichter in die tiefe Gefühlswelt hineinwirft. Wo diese nicht vorhanden ist, wird sämtliche Gedankenarbeit fruchtlos bleiben.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Gedanken sind spielerische Kräfte; sie entschleiern und verhüllen nichts. Ihr Wert ruht einzig in der Bereicherung und Vertiefung des menschlichen Geistes.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Große Gedanken sind wie Gebirgsschluchten wild und gefährlich.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Gedanken sind bunte Bälle, die du gegen die Wände deines Ichs wirfst. Wenn du sie nicht mehr fangen kannst, lasse sie nur getrost fallen.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Alle Religion wird Begriff, sobald sie gelehrt wird. Begriffe gestalten keine Menschen.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Die Kanzelredner der Religion sind die Zerstörer des Religiösen.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Wir hängen aufs tiefste von dem ab, was nicht in uns Erscheinung werden kann.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Zwei Stufen, wo man dem Schöpfer am nächsten ist: die höchste Erhöhung und die tiefste Erniedrigung. Beide verschmelzen an ihren Grenzen und gehen ineinander über.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Gott ist nichts als das vollkommene Ich.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Wer Gott verneint, der fürchtet ihn immer noch.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Die großen Wahrheiten sind fast immer unwahrscheinlich.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Zur Wahrheit gehört mehr Nase als Gesicht und Gehör; und ich habe sehr selten gefunden, dass man einen guten Geruch hat, eine feine Nase für Unterschiede. Nicht umsonst prägt sich das Geistige vorzugsweise auf der Nase aus.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

So gibt es irgendwo, und sei es auch in der tiefsten Tiefe, eine Grundwahrheit? Ja, aber sie ist ewig unzulänglich: muss es sein, weil die seelenbildende Substanz nur von einem noch tieferen Vermögen, als unseres ist, begriffen werden kann.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Wahrheiten aus dem Mund eines Toren empören mehr, als Irrtümer aus dem Mund eines Weisen.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Der Weg zur Wahrheit geht durch die Irrtümer. Der Weg zu den Irrtümern durch die Wahrheit.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Eine auf den Kopf gestellte Wahrheit ist noch lange keine Lüge. Für die Wahrheit gibt es weder unten noch oben, da sie überall ein Nirgendwo ist.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Was ist die Wahrheit aber? Das entsetzliche, grauenvolle Leid des Geschöpfes.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919

Die Wahrheit ruht nur da, wo die Tiefe wohnt. Da aber schillert sie in tausendfachem Glanz, nicht etwa in einer Generalfarbe.

Luck, Stimmen der Stille. Aphorismen, 1919