Rainer Maria Rilke (1875–1926)

153 Sprüche Realismus

Deine Erfahrungen sollten nirgends umkehren, nicht erschrecken, an keinen Türen horchen, überall leise und aufrecht durchgehen wie starke pflegende Schwestern, die ans Handeln gewohnt sind, wo andere jammern.

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Dank ist ja vielmehr eine Verfassung, denn eine Aussprache.

Rilke, R. M., Briefe. An Karl und Elisabeth von der Heydt

Was unser Geist der Wirrnis abgewinnt, kommt irgendwann Lebendigem zugute; wenn es auch manchmal nur Gedanken sind, sie lösen sich in jenem großen Blute, das weiterrinnt….

Rilke, Gedichte. Aus einem Widmungsgedicht an Marga Wertheimer in ein Exemplar der "Sonette aus dem Portugiesischen", geschrieben in Muzot am 5. Oktober 1924

Religion ist etwas unendlich Einfaches, Einfältiges. Es ist keine Kenntnis, kein Inhalt des Gefühls […], es ist keine Pflicht und kein Verzicht, es ist keine Einschränkung: sondern in der vollkommenen Weite des Weltalls ist es: eine Richtung des Herzens.

Rilke, R. M., Briefe. An Ilse Blumenthal-Weiß, 28. Dezember 1921

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Das Stundenbuch. Das Buch von der Armut und vom Tode, 1903

Stimme eines jungen Bruders Ich verrinne, ich verrinne wie Sand, der durch Finger rinnt. Ich habe auf einmal so viele Sinne, die alle anders durstig sind. Ich fühle mich an hundert Stellen schwellen und schmerzen. Aber am meisten mitten im Herzen. Ich möchte sterben. Laß mich allein. Ich glaube, es wird mir gelingen, so bange zu sein, daß mir die Pulse zerspringen.

Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Das Stundenbuch. Das Buch vom mönchischen Leben, 1899

Vergangen nicht, Verwandelt ist, Was war.

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Todeserfahrung Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Haß dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund tragischer Klage wunderlich entstellt. Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt. Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend; aber dein von uns entferntes, aus unserm Stück entrücktes Dasein kann uns manchmal überkommen, wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, sodaß wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

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Die Menschen wollen's nicht verstehen Zwei Herzen haben sich gefunden – die Menschen wollen's nicht verstehn – und die sich innig treu verbunden, sie sollen auseinander gehn! Doch mächtig einen sie die Triebe, man trennt sie, 's ist des Schicksals Lauf, doch in den Herzen glüht die Liebe in Sehnsucht um so mächtger auf. Er ist so bleich – sie sehn's mit Bangen – und nicht zu ändern ist sein Sinn, es schwanden doch von ihren Wangen die Rosen auch schon längst dahin! Und eines Morgens trug man beide – die Menschen wollen's nicht verstehn – zur Ruhe nach dem Erdenleide – dorthin, wo still die Kreuze stehn! Dort ruhen selig sie im Frieden des leeren Lebens matt und müd – – geliebt, gehofft, getrennt, geschieden – das ist das alte, alte Lied!

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Das Schicksal wird nicht außerhalb des Menschen bestimmt, sondern entsteht aus ihm selbst.

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Schicksal ist nicht mehr als wir.

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Man hat schon viele Bewegungsbegriffe umdenken müssen, man wird auch allmählich erkennen lernen, daß das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außen her in sie hinein.

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Der Schicksale sind nicht viele: wenige große wechseln beständig ab und ermüden an denen, die mit unbegrenzt emfindendem Herzen unzerstört hingehn.

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XIX Sie hatte keinerlei Geschichte, ereignislos ging Jahr um Jahr – auf einmal kams mit lauter Lichte ... die Liebe oder was das war. Dann plötzlich sah sie's bang zerrinnen, da liegt ein Teich vor ihrem Haus ... So wie ein Traum scheint's zu beginnen, und wie ein Schicksal geht es aus.

Rilke, Gedichte. Traumgekrönt, 1896. Aus: Siehe, ich wußte es sind solche

Fremd, wie niebeschrieben sieht mich mein Schicksal an.

Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908. Aus: Die Liebende

Eine gute Ehe ist die, in der der eine den anderen zum Schutzengel seiner Einsamkeit bestellt!

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In einer guten Ehe ernennt einer den anderen zum Beschützer seines Alleinsein.

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Gesehn, gehofft, gefunden Gesehn, gehofft, gefunden, gestanden und geliebt – drauf eine Zahl von Stunden durch keinen Schmerz getrübt. Gequält, getrennt, geschieden durch feindliches Bemühn – dahin der Seele Frieden, die süße Ruh dahin… Sich liebend treu geblieben, geklagt, gesehnt, geweint und dann, im bessern Drüben auf ewig doch vereint.

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Ich glaube an das Alter, lieber Freund, Arbeiten und Altwerden, das ist es, was das Leben von uns erwartet.

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Und dieser Frühling macht dich bleicher, in weite Wiesen will dein Fuß, dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher, mit jedem Wink, mit jedem Gruß.

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Eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen, nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber zusammenhängen mit Fernem und Unsagbarem bis in die Sterne hinein!

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