Richard Dehmel (1863–1920)

41 Sprüche Realismus

Und man erkennt: Verbindlichkeit ist Leben, und jeder lebt so völlig wie er liebt: Die Seele will, was sie erfüllt, hingeben, damit die Welt ihr neue Fülle gibt. Bei Tag, bei Nacht umschlingt uns wie ein Schatten im kleinsten Kreis die große Pflicht: Wir alle leben vom geborgten Licht und müssen diese Schuld zurückerstatten.

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Jetzt ist kein Hafen mehr in Sicht, Die Welle stürzt schon breiter, Die Segel brüsten sich im Licht: Jetzt, Jungs, wird's heiter! Seht die Sonne schweben, Seht die Wolken ziehn; Freier rauscht das Leben, Alle Ufer fliehn. Das Steuer prompt in wacher Hand, Bald fest die Hand, bald lose: So, Jungens, kreuzt man mit Verstand Durchs Weltgetose! Seht den Wimpel schweben, Seht die Möwen ziehn; Leicht rauscht alles Leben, Wenn die Ufer fliehn. Im Fluge naht die Stunde zwar, Da geht's zurück zum Hafen, Vielleicht zum allerletzten gar: Dann, Jungs, geht schlafen! Seht den Himmel schweben, Seht die Sterne ziehn; Weiter rauscht das Leben, Alle Ufer fliehn.

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Die Illusion Was ist die Freude, das Glück, das Leben ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm! Eine Straße, endlos, öd, uneben: immer müder wird dein Pilgertum. Gieb mir Melodieen – oh, nur eine: wiege das Herz in Träume, wenn es schreit! und dir wachsen ewige Marmorsteine aus der Asche der Vergangenheit. Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen; ein Diadem zieht strahlend vor mir her. Was tut’s, ein Leben wie ein Bettler tragen, wenn man stirbt wie Pindar und Homer!

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Wendekreislauf Nehmen wir Geschehn für Leben, haben wir's nicht recht verstanden; Menschenleben ist das Leben so nur, wie wir es empfanden – ja, so schwärmt' ich seelentrunken. Wie mir alles wohlbehagte, was ich fühlte, was ich sagte, in mein Spiegelbild versunken! Doch jetzt heißt es: mit den Zielen, mit den Wegen sich beraten. Zwar den Jüngling ehrt sein Fühlen, doch dem Manne ziemen Thaten. Altgeschehnes, Neuerfahrnes, dunkel drängt es sich zusammen, und wir wissen nicht zu scheiden dieses Lodern seltner Flammen; denn darunter lebt ein Glühen seltenster Begebenheiten, und man fühlt ein still Bemühen, als ob Zeiten sich bereiten. Nah schon, will der Sonnenwagen wieder einen Kreis vollenden. Wird er durch den Steinbock jagen? wird er sich zum Krebse wenden? Schaudernd scheint er still zu stehen zwischen gleichen Finsternissen, und nun scheint er sich zu drehen, aber Du – wirst mitgerissen.

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Aus der Enge in die Weite drängt die Seele, lockt das Leben. O entfalte, Herz, dein Streben, eh's der Tod ins All befreite.

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Es [das Leben] ist nicht dazu da, verstanden zu werden; es will geliebt sein mit ganzer Seele. Der Lebenskampf quält uns nur so lange, als wir noch nicht stark genug für die große Liebe sind. Nur der widerwillige Kämpfer leidet; wir sind selig in jedem Augenblick, wo wir uns völlig der Weltgewalt hingeben.

Dehmel, R., Briefe. An Seelig, 11.10.1917

Statt nach alter Gewohnheit nur immer zu fragen: was ist das Leben wert, nämlichunswert? lautet heute die Frage geziemender, stolzer sowohl wie bescheidener: was sindwirdem Leben wert?

Dehmel, Der Mitmensch. Tragikomödie von Richard Dehmel. Nebst einer Abhandlung über Tragik und Drama (in: Gesammelte Werke in zehn Bänden, Bd. 9), 1909. Tragik und Drama. Fünftes Kapitel

Leben heißt lachen mit blutenden Wunden.

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Was wir an Schönheit und Kühnheit durchs Leben verlieren, gewinnen wir an Weisheit und Freiheit.

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Uns fehlt nur eine Kleinigkeit, um so frei zu sein wie die Vögel sind: Nur Zeit.

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Der Arbeitsmann Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind, mein Weib! Wir haben auch Arbeit, und gar zuzweit, und haben die Sonne und Regen und Wind, und uns fehlt nur eine Kleinigkeit, um so frei zu sein, wie die Vögel sind: nur Zeit. Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn, mein Kind, und über den Ähren weit und breit das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn, o dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid, um so schön zu sein wie die Vögel sind: nur Zeit. Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind, wir Volk. Nur eine kleine Ewigkeit; uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind, als all das, was durch uns gedeiht, um so kühn zu sein, wie die Vögel sind. Nur Zeit!

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Was bewegt dich, stiller Himmel? Was beschwingt die schweren Wolken? Herz, wie kommt die helle Höhe übers tiefgraue Meer? Durch die Wolken schwebt ein Vogel, schwebt vorbei mit hellen Flügeln, trägt die goldne Morgenröte übers tiefgraue Meer. Komm zurück, du goldner Vogel! Nimm mich hoch in deine Höhe! Trag mein Herz, du helle Hoffnung, übers tiefgraue Meer!

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Hoffnung Ob sie mich liebt? Spricht ihrer Blicke Leuchten zu mir der Liebe selig stumme Frage? Ist's nur die große Hoffnung, die ich trage, daß mir erfüllt die bangen Wünsche däuchten? Ob sie mich liebt? Ob sie mich liebt? Sie lächelte so mild, als vor Verlangen stumm mein Gruß verhauchte; sie bebte sanft, als mir entgegentauchte aus ihrem Auge mein verklärtes Bild ... Sie liebt mich wol.

Dehmel, R., Gedichte. Erlösungen. Eine Seelenwandlung in Gedichten und Sprüchen, 1891. Zweite Stufe: Liebe. Originaltext

Sich mit Würde ins Unvermeidliche schicken ist nur dann eine heilige Handlung, wenn man alles getan hat, es zu vermeiden; sonst wird die Ehrfurcht vorm Schicksal leicht zur Pose, mit der wir unsre Bequemlichkeit, unsre Herzensträgheit maskieren.

Dehmel, R., Briefe

Mensch, du sollst dich selbst erziehen, und das wird dir mancher deuten: Mensch, du mußt dir selbst entfliehen. Hüte dich vor diesen Leuten!

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Selbstzucht Mensch, Du sollst Dich selbst erziehen. Und das wird Dir mancher deuten: Mensch, Du mußt Dir selbst entfliehen. Hüte Dich vor diesen Leuten! Rechne ab mit den Gewalten In Dir, um Dich. Sie ergeben Zweierlei: wirst Du das Leben, Wird das Leben Dich gestalten? Mancher hat sich selbst erzogen; Hat er auch sein Selbst gezüchtet? Noch hat keiner Gott erflogen, Der vor Gottes Teufeln flüchtet.

Dehmel, R., Gedichte

Rings um unsre Himmelsleiter toben Liebe, Lob, Haß, Spott, unter uns Millionen Streiter, über uns der stille Gott.

Dehmel, Kriegs-Brevier, 1917. Vorangestelltes Motto

Das Eine Was sind Worte, was sind Töne, all dein Jubeln, all dein Klagen, all dies meereswogenschöne unstillbare laute Fragen – rauscht es nicht im Grunde leise, Seele, immer nur die Weise: still, o still, wer kann es sagen!

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Reinertrag Was wir sammeln, was wir speichern, mag's die Erben noch bereichern, einst vergeht's. Nur der Schatz der Seelenspenden wächst, je mehr wir ihn verschwenden, jetzt und stets.

Dehmel, R., Gedichte. Schöne wilde Welt. Neue Gedichte und Sprüche, 1913

Das Spiel der Welt 1. Dialog: Die Seele sprach zur Welt: Du machst dich viel zu wichtig. Dein Spiel ist ohne mich im Grunde null und nichtig. Zur Seele sprach die Welt: Das ist im Grunde richtig. Das Spiel machst du, nicht ich; drum ist es gründlich nichtig. 2. Moral: Die Seele macht sich gern mit ihrer Welt zu wichtig; Weltseele muß man sein, dann macht man Alles richtig. 3. Kritik: Das ist ein schlechter Spaß; du hältst die Welt zum Narren und rätst ihr obendrein zu deinem eignen Sparren. 4. Antikritik: Das ist kein schlechter Spaß, ich hab gar gut erfahren: wo Weisheit ratlos steht, ist Narrheit flugs im Klaren. 5. Supermoral: Die Seele mahnt sich stets: sei endlich ganz und tüchtig! so bleibt sie ewig halb weltsüchtig, halb weltflüchtig.

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