Rudolf Presber (1868–1935)

35 Sprüche Realismus

Das Glück bevorzugt in der Welt Zu gern die dümmsten Kerle: Sie haben sich billige Austern bestellt Und finden die echte Perle.

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Das Glück ist eine Redensart, Für das, was andere erreichen.

Presber, Vom Weg eines Weltkindes. Ein Buch Sprüche, 1914

Bleibe Herr des Augenblicks – Jeder Lenz bringt Rosen; Sei Erbauer Deines Glücks, Statt es zu erlosen!

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Der Moderne Nun hab' ich mein grämliches Winterweh Sechs Monde mystisch gehütet Und hab' auf manchem ästhetischen Tee Pessimistische Eier gebrütet. Mein Büchlein, das meinen Gram umschloß, Kam in die besten Familien; Mein Büchlein, das meinen Kummer ergoß Auf stilisierte Lilien. Die schlanken Mondänen durchforschten's mit Fleiß, Und heimlich lasen's die Zofen; Und alle tranken literweis Mein Herzblut aus meinen Strophen. Sie lobten an meiner Seele Not Die Feuer, die zuckend verflammten, Und sprachen von meinem nahen Tod Mit der Ruhe des Standesbeamten… Doch heut' ist draußen der Frühling erwacht, Schon duftet's nach hellen Syringen – Mein Herz spürt die Sonne und klopft und lacht Und hört die Knospen springen. Mein Herz zerreißt seinen Trauerflor, Meine Jugend wird wieder munter, Sie haut der Sorge eins hinter das Ohr Und schmeißt sie die Treppe hinunter. Vom junggrünen Teppich der Wiese her Klingen Schalmeien und Tänze… So werf' ich hinter der Fliehenden her Die raschelnden Lorbeerkränze. Und blinzelt zur Nacht mir ein lustiger Stern, Ich folg' ihm augenblicklich – O Gott, wie bin ich unmodern! O Gott, wie bin ich glücklich!

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Frag' mich oft im Weltgetriebe, Wenn ich so die Pärchen seh': Gibt's mehr Ehen ohne Liebe, Gibt's mehr Liebe ohne Eh'?

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Hast du noch die alten Briefe? Hast du noch die alten Briefe, Die ich dir heimlich zugesteckt; Liest du manchmal drin, wenn tiefe Nacht dich mit Gespenstern schreckt: – Schreib geschwind: das Herzensflämmchen Brennt's für mich noch lichterloh? Maus, dein gelbes Schildpattkämmchen Fand sich unterm Vertikow. Fand sich auch das Silberbörtchen, Abgerissen in der Hast, Und – wie schad' – ein Mandeltörtchen, Das du nicht gegessen hast. Tief im Schleier Stirn und Näschen, Keiner kennt dich – sei doch dreist, Komm, mein Herzchen, komm, mein Häschen, Dreimal klopfen – na, du weißt… – Ach, daß heut ich, blondes Liesel, Keine Antwort lesen darf, Weil ich blöder Bildungsstiesel Damals sie ins Feuer warf. Denn – so kernecht auch dein Lieben – Raubte mir's die Seelenruh', Daß du Herz hast klein geschrieben Und mit tz auch noch dazu. Als du wieder, blondes Liesel, Schlüpftest in mein Gartenhaus, Flink und munter wie ein Wiesel, Blieb ich kühl – und es war aus. Heut? – na ja, ich kann nicht klagen, Und ein Spaß ist auch dabei. Viele reife Damen sagen, Daß ich sehr poetisch sei. Und sie lieben mich seraphisch, – Seelenfreundschaft – oder so – Und sie schreiben orthographisch Und zitieren Rochefoucauld. Und für ewig unvergessen Sei mein Liedchen, sagen sie; Und sie laden mich zum Essen Und zu etwas Pomery. Und mit nützlichen Geschenken Machen sie sich wert und lieb. Ich – ich muß der Kleinen denken, Die ihr Herz mit tz schrieb. All die Flammen, all die Flämmchen Gäb' ich heute seelenfroh. Läg' ein blondes Schildpattkämmchen Wieder unterm Verikow.

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Es waren drei junge Leute Die liebten ein Mädchen so sehr. Der eine war der Gescheute, Floh zeitig über das Meer. Er fand eine gute Stelle Und ward seiner Jugend froh, Und lebt als Junggeselle Noch heute auf Borneo. Der Zweite schied mit Weinen. Er sang seiner Liebe Leid Und ließ es gebunden erscheinen Just um die Weihnachtszeit. Das kalte Herz der Dame, Die Quelle all seines Wehs, Macht ihm die schönste Reklame Auf allen ästhetischen Tees. Der Dritte nur war dämlich, Wie sich die Welt erzählt. Er liebte die Holde nämlich Und sich mit ihr vermählt; Und sitzt jetzt ganz bescheiden Dabei mit dummem Gesicht, Wenn sie von den anderen beiden Mit Tränen im Auge spricht ....

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Säng' ich von Frauen was ich meine, Wie würd' mein Lied noch neu und reich? Vergriffen sind die Edelsteine Samt allen Blumen zum Vergleich. Kein heller Stern mehr will mir taugen Am Frühlingshimmel, silberklar, Der nicht mit eines Mädchens Augen Schon tausendmal verglichen war. Auf Blume, Stern und Stein und Perle Leist' ich mit heil'gem Schwur Verzicht. Verliebte sind halt gute Kerle, Originell – das sind sie nicht. Doch tröstet eins: Wenn sich im Schwören Ihr Hirn um neue Wendung plagt, Die eine wird stets gerne hören, Was andern tausendmal gesagt. So will ich nach der einen spähen, Die nichts bis heut von mir gewußt, Und meine schönsten Lieder säen Ins junge Erdreich ihrer Brust. Und blüht es heiß auf ihren Wangen, Wie roter Blumen Widerschein: Dann ist die Liebe aufgegangen – Und ich, ich will ihr Schnitter sein! Und was das frohe Herz getragen, Wenn es der Lenz mit Blüten neckt, Will ich der Einz'gen flüstern sagen, Weil mich die Menge leicht erschreckt: "Ich liebe dich und will dir treu sein, Solang' die Rose blüht am Strauch…" Und dieses Letzte wird ihr neu sein, Und, wenn ich ehrlich bin – mir auch.

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Erziehung zum Seelenfrieden Ich sucht' ein heilsam Kräutchen Mir jüngst für Herzensweh. Da sah ich zwei Liebesleutchen In einer Pappelallee. Sie schritten so weltvergeßlich, Treu Hand von Hand geführt, Und waren beide so häßlich Und beide so gerührt. Sie waren von ihrem Lose Beglückt und voll Vertraun – Er trug 'ne karrierte Hose, Just wie ein Zirkusclown. Ihr Blick war voller Süße, Der Abend war hell und schwül. Sie hatte platte Füße Und einen Ridikül. Das war ein Gliedergezappel, Die Herzen zwickte der Mai – Sie hielten mich für 'ne Pappel Und gingen selig vorbei. Ich stand am Straßengraben Und schaute, wie das ging; Sich gar so lieb zu haben Ist doch ein schönes Ding! Und was die Dichter schwappeln Von Hollerbusch und so, Es wird auch unter Pappeln Noch mancher herzensfroh. Und wer nicht grad' nach großen Und seltnen Freuden strebt, Hat in karrierten Hosen Bescheidnes Glück erlebt.

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Alle Liebe fängt mit der Neugier an.

Presber, Der guten Frauen allerschönster Kranz und andere heitere Geschichten, 1944

Alte Ketten Und folgst du neuer Lust und Pflicht, Des Sommers schweren Kranz im Haar, Dein edles Herz begeifre nicht, Was deiner Jugend heilig war! Und wenn die Lockung dich umgirrt, Zu schmäh'n, was einst dir köstlich galt, Gesteh' mit Mut: ich hab' geirrt; Doch lästre nicht, was leis verhallt. Gedenk' der Schlösser, die du einst Im Schmuck der Waffen stolz verließt; Sie bergen viel, was du beweinst, Und was du nimmer wieder siehst. Wenn du des Lebens Feinde schlugst, Verhöhn' sie nicht, sei mitleidsvoll; Und selbst der Ketten, die du trugst, Gedenke ohne Haß und Groll. Wenn du aus Banden dich befreist, Die deiner Jugend Fleisch gepreßt, In diesen Fesseln lebt ein Geist, Der sich nicht lachend spotten läßt. Und wenn die Hand im sonn'gen Tal Sich neuen Lenzes Blüten rafft, Mahnt dich ein altes Wundenmal An jener Kerker dunkle Haft. Und stehst du trotzig und befreit, In deinen Ruhm, in deine Schmach Tönt dir aus ferner Leidenszeit Das Klirren alter Ketten nach.

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Umsonst Was ist das Leben? Ein Irren Nach einem Nie-Genug, Und in ererbten Geschirren Ein Ackern mit rostigem Pflug. Ein Kämpfen mit all den leid'gen Sorgen, mit Qual und Not, Ein ewiges Sich-Verteid'gen Gegen Liebe und Tod!

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Seltsam mischt das Leben die Karten ...

Presber, Der guten Frauen allerschönster Kranz und andere heitere Geschichten, 1944

Wer an jeder Schüssel sich isset satt, Dem hapert's an Gaumen und Kehle. Wer gar zu viele Freunde hat, Ist kein Gourmand der Seele.

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Du kannst mit deinem besten Freund wohl dieselbe Sektmarke trinken, aber nicht dasselbe Leid durchleben.

Presber, Der Zirkus mit den hundert Löwen, 1933

Berühmte Männer haben im Tode unendlich viele Freunde gehabt, von denen sie im Leben nichts gewusst haben oder nichts wissen wollten.

Presber, Der Zirkus mit den hundert Löwen, 1933

Misstraue Menschen mit großem Freundeskreis. Denn wirkliche Freundschaft kostet Zeit.

Presber, Der Zirkus mit den hundert Löwen, 1933

Ehrlichkeit Wer rechten Lebensmut bewiesen Und für die Wahrheit viel gewagt, Der hat die gründlichsten Sottisen In stiller Stunde sich selber gesagt. Der Jugend Torheit zahlt die Spesen, Und Lebenskunst verdient sich schwer; Und wär' ich nie ein Narr gewesen, Wo nähm' ich jetzt die Weisheit her?

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... wär' ich nie ein Narr gewesen, Wo nähm' ich jetzt die Weisheit her?

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Humor ist das, was man nicht hat, sobald man es definiert.

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Der Humor ist nicht, wie Oberflächliche im achtzehnten Jahrhundert behauptet haben, eine Erfindung der Engländer. Er hat nur mancherlei Kostüme getragen im Wechsel der Zeiten.

Presber, Der Zirkus mit den hundert Löwen, 1933