Rudolf Presber (1868–1935)

35 Sprüche Realismus

Man dekoriert doch den Erfolg und nicht die Absicht.

Presber, Der Schatz in der Tüte, 1918

Ein Dank Das macht mich, Liebste, oft beklommen: Wie dankt dir würdig dies Gemüt? Was hätte, wärst du nicht gekommen, In meinem Garten wohl geblüht? Und wenn du heut mich von dir stießest – Ich war so reich durch deine Huld! Und wenn du morgen mich verließest – Ich bliebe doch in deiner Schuld! Und willst du mich im Scheiden kränken, Und ob du nimmer nach mir fragst – Ich müßte dankbar noch gedenken, Wie lieb du mir im Arme lagst, Und wär' am Wagen deiner Siege Mein Name nichts als eitle Zier, Ich säh' dein Aug', wie einst, und schwiege Und dächt' an einst und dankte dir. Ich hab's gefühlt in sel'gen Schauern: Dies Glück war eine Stunde mein, Doch war's zu herrlich, um zu dauern, Und war zu schön, um treu zu sein; Noch im Besitz sah ich's entschweben, Genießend ahnt' ich den Verzicht – So geht durch unser armes Leben Das Göttliche, doch weilt es nicht. Wer spürt der Ewigkeit Versprechen, Schmückt froh der Frühling sein Revier? Ein Maitag, drin die Knospen brechen Und Falter schwärmen, warst du mir, Und hat der Herbststurm mich verschlagen, War nicht des Lenzes Sonne mein? Und kommt der Frost in rauhen Tagen, Soll ich dem Mai nicht dankbar sein?

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Und hat der Herbststurm mich verschlagen, War nicht des Lenzes Sonne mein? Und kommt der Frost in rauhen Tagen, Soll ich dem Mai nicht dankbar sein?

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Man muß für schöne, liebe, frühlingsmäßige Momente in diesen üblen Zeiten dankbar sein.

Presber, Der guten Frauen allerschönster Kranz und andere heitere Geschichten, 1944

Wie sich dies Lied ans Herz mir schmiegt Wie sich dies Lied ans Herz mir schmiegt, Bis leis die Tränen rinnen; Die ganze Frühlingssehnsucht liegt Verführerisch darinnen. Mir ist's, als hätt' auch ich gefühlt Des Liedes Glut und Minne, Als hätt' sein Ton mir aufgewühlt Die junge Kraft der Sinne. Mir ist's, als hätt' mein Lenz gewagt, Dem Lied sich zu vergleichen… Wenn ihr mich einst zu Grabe tragt, Spielt's hinter meiner Leichen. Wenn sich bei seinen Tönen regt Kein Lächeln, keine Gebärde, Ist's Zeit, daß ihr zur Ruh' mich legt Und Erde werft zur Erde. Der Wind, der über Veilchen strich Vom blauen, italischen Meer, Bringt keine Lenzluft dann für mich Und keine Lockung mehr.

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Ich sah dich an Ich sah dich an. Von fernen Sommertagen Will sich dem Blick ein deutlich Bild entwirr'n. Du hast dein Sehnen schwer mit dir getragen – Nun ward es still um deine müde Stirn. Du hast begraben Hoffen viel und Glauben, Baust fern den Märkten dir dein einsam Haus; Und deine Wünsche ruhn, wie weiße Tauben, Nach Flug und Sturm in schatt'gen Wipfeln aus. In deinen schmalen Fingern seltsam Leben, In ihrem Wirken ein verborgner Sinn, Als ob aus der Vergangenheit Geweben Die Fäden schössen unsichtbar darin. Aus solchen Händen, die nur Güte gaben, Gefaltet nur, um Segen zu erflehn, Möcht' ich aufs Herz die letzten Rosen haben, Wenn scharrend vor dem Haus die Rappen stehn…

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Ich möcht' nicht … Ich möcht' nicht sterben als Journalist [Und blühten mir Bolzens unsterbliche Ehren!] Und bis ans Ende den Tagesmist In dampfende Häuflein zusammenkehren. Ich möcht' nicht sterben als Kapitalist, Die letzte Nacht in der Sorge Krallen: Ob Eisen und Kohle noch sicher ist, Und ob in London die Minen gefallen. Ich möcht' nicht sterben, vom Beifall umtobt Unreifer Gesellen, die mich gelesen, Und heiß von Müller und Schultze gelobt, Weil ich »talentvoll«, wie sie, gewesen. Ich möcht' nicht sterben im Überfluß, Nicht als Gehetzter kommen zur Strecke. Ich möchte sterben an einem Kuß, Geraubt hinter blühender Weißdornhecke. An einem Kuß, von Lippen getauscht, Die schauernd im ersten Maiwind erschlossen, Auf die, die alle meine Träume berauscht, Der Lenz seine seligsten Freuden gegossen. Ich möchte sterben, wie einer schied, Den hatten die seligen Götter gerne: Die Hand am Humpen, im Herzen ein Lied Und im brechenden Blick die ewigen Sterne.

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Meine Grabschrift Ich hab' die Sonne des Tages gesehn, Nun ist es Zeit zum Schlafengehn. Nun ist es Zeit, nach Sorgen und Wachen Die Augen in Frieden zuzumachen. Und wem mein Schatten im Herzen lag, Der soll mich vergessen am dritten Tag. Doch wem ich ein wenig Licht gegeben, Der laß' im Herzen mich weiterleben.

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Von Liebe und Ehe Elise, sprach zur Freundin die Mathilde, Das sogenannte Glück ist meistens schal. Wenn ich vom Leben mir 'ne Meinung bilde, Find' ich die Ehe mehr als trivial. Die Liebe – gut. Ich laß die Liebe gelten. Man sucht sich Emotionen fürs Gemüt. Man schätzt sich gegenseitig, weil man selten, Höchst selten sich und unter andern sieht. Man schwärmt für Nietzsche, Dehmel, Mai und Rosen, Auch macht ein Ausflug [so nach Treptow] Spaß, Man unterhält sich von der namenlosen Geheimen Sehnsucht – unbestimmt nach was. Man hat frisiert und aufgeputzt sein Wesen Und legt ein ew'ges Rätsel ins Gesicht; Man hat vorher in Büchern nachgelesen, Was man mit dem geliebten Jüngling spricht. Er konversiert vom Leben nach dem Tode, Von Maeterlink und dem »Familientag«, Und seine Weste zeigt die letzte Mode, Und hinter ihr ahnt man des Herzens Schlag. Und denk' ich mir die Hochzeit und so weiter, So Tag und Nacht und alles so im Haus, Dann zieht die Seele ihre Sonntagskleider Und auch der Leib zieht manches Schmuckstück aus. Denn die Alltäglichkeit ist voller Roheit Und die Enttäuschung bleibt der Träume Schluß; Ein Weib verliert den Reiz, ein Mann die Hoheit, Wenn er die Hühneraugen schneiden muß. Mit dem, was Schwärmerherzen sich erharren, Hält auch die Wirklichkeit nur selten Schritt; Ich hatt' 'nen Onkel, der an Darmkatarrhen In Capri auf der Hochzeitsreise litt. Mein Artur – Gott, was soll ich weiter sagen, Gleicht er nicht Wedekinds Marquis von Keith? Sein grüner Schlips, sein hoher Doppelkragen Scheint mir ein Teil von der Persönlichkeit. Wenn ich im Traum sein männlich Bild mir knipse, Als Amateurin – ob du Worte hast! Ich seh' ihn stets mit diesem grünen Schlipse, der wundervoll zu seinen Augen paßt. Doch denk' ich weiter – nach dem Hochzeitsfeste – Am Abend – spät – nach Reden, Sekt und Schmaus Zieht er die wundervoll karierte Weste Und zieht [auch seelisch] sonst noch manches aus. Je mehr ich in den Anblick mich versenke, Durchzittert meine Seele Furcht und Hohn – Wenn ich mir Artur ohne Kragen denke, Zerfließt sofort die ganze Illusion.

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Der Pessimist Warum ihr bloß den Ehstand lobt? Wo, Teufel, ist die Harmonie? Er, heißt es, "hat sich ausgetobt!", Und jetzt – tobt sie.

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Ich lernte diesen Spruch am Rheine: Verständnis stellt sich langsam ein; Für letzte Weisheit uhd edelste Weine Muß man bei guten Jahren sein!

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Kleine, wenn wir alt geworden … Kleine, wenn wir alt geworden, Hat das Leben uns getrennt – Du im Süden, ich im Norden, Wo den andern keiner kennt. Deine Taille nicht mehr zierlich, Deine Rosenwangen blaß, Und behäbig-reputierlich Handelst du mit irgendwas. Ich – von mancher Lebensschlappe Schon gekerbt und wenig froh – Trage meine Aktenmappe Auf ein dämliches Bureau. Kleine, wenn wir alt geworden, Gibt sich unser leichter Sinn; Und ich kriege einen Orden, Weil ich so manierlich bin. Und was dir das Herz entflammte Ist verweht nach froher Frist, Und es führt zum Standesamte Dich ein Steuerakzessist. Und du liest in deinem Blättchen, – Abends liegt es vor der Tür, – Daß ich Lieder und Sonettchen Manchmal dichte noch, wie früh'r. Kleine, wenn sich Blüt' auf Blüte In die Haare steckt der Mai, Klingt ein Echo durchs Gemüte Und die Brust wird jung und frei. Wenn die Kinder längst entschliefen, Und der Alte sitzt beim Skat, Blätterst du in gelben Briefen – Aber nicht vom Steuerrat; Holst du dir die Liederbände, Die ich zärtlich damals schrieb; Und ich halte deine Hände, Und du hast mich wieder lieb. Kleine, höre was ich künde, Sieh mich lächelnd an dabei: Eine ew'ge große Sünde Ist der holde Monat Mai. Trotzend Muckern und Zeloten Raubt sich keck der Liebe List, Was auf Erden so verboten Und was, ach, so himmlisch ist. Denn wie wär' in dürren Tagen, Schneebedrückt und sorgenschwer, Wohl der Winter zu ertragen, Wenn kein Mai gewesen wär? Stunden, ach, zum Teufelholen Schleppt das Leben noch heran, Aber aus verrauschten Bowlen Mild erinnernd düftet's dann. Und auf gelben Blättern lesen Wir, wie einst der Puls uns schlug. Da wir keck und jung gewesen Und die Stirne Kränze trug. Ob den Frohsinn zu ermorden Uns ins Herz die Sorge kroch, Kleine, wenn wir grau geworden, Atmet unser Frühling noch!

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Die Wahrheit siegt nie früh genug.

Presber, Der Weg zum Ruhm, 1916

Und ziehst du aus… Und ziehst du aus zu Kampf und Tat, Das Auge froh, das Schwert gewetzt, Es liegt der Toten stumme Saat, Wo auch dein Pferd die Hufe setzt. Und wirbst du keck um Ehr' und Gut, Und liegt der Morgen frühlingsklar, Sieh, unter jeder Scholle ruht Schon einer, der hier glücklich war. Ob im Turnier ein Schwert sie traf, Ob sie die Schlange leis beschlich, Sie lächeln alle tief im Schlaf Und warten, warten nur auf dich…

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