Theodor Storm (1817–1888)

51 Sprüche Romantik

Letzte Einkehr Noch wandert er; doch hinter ihm schon liegen längst die blauen Berge; kurz ist der Weg, der noch zu gehn, und tief am Ufer harrt der Ferge*. Doch blinket schon das Abendrot und glühet durch das Laub der Buchen; so muß er denn auch heute noch wie sonst am Wege Herberg suchen. Die liegt in grünen Ranken ganz und ganz vom Abendschein umglommen; am Tore steht ein blondes Kind und lacht ihn an und sagt Willkommen. Seitab am Ofen ist der Platz; schon kommt der Wirt mit blankem Kruge. Das ist ein Wein! – So trank er ihn vor Jahren einst in vollem Zuge. Und endlich schaut der Mond herein von draußen durch die dunklen Zweige; es wird so still; der alte Mann schlürft träumerisch die letzte Neige. Und bei des bleichen Sternes Schein gedenkt er ferner Sommertage, nur halb ein lauschend Ohr geneigt, ob jemand klopf' und nach ihm frage. (*Fährmann)

Internet

Ein Sterbender Was ich gefehlt, deseinenbin ich frei; Gefangen gab ich niemals die Vernunft, Auch um die lockendste Verheißung nicht; Was übrig ist, – ich harre in Geduld. Auch bleib der Priester meinem Sarge fern; Zwar sind es Worte, die der Wind verweht, Doch will es sich nicht schicken, daß Protest Gepredigt werde dem, was ich gewesen, Indem ich ruh' im Bann des ew'gen Schweigens.

Internet

Zur Erziehung Freilich nur nach Gewissen und gänzlich nach Überzeugung! Riet' ich ein anderes dir, gut nicht wär es fürwahr. Aber bedenk's, ich bin hier sehr - sehr anderer Meinung; Und - daß du meiner bedarfst, hoffentlich weißt du es doch!

Internet

Die Liebe, die Liebe, welch lieblicher Dunst; doch in der Ehe, da steckt die Kunst.

Internet

Spruch des Alters 1 Vergessen und Vergessenwerden! – Wer lange lebt auf Erden, Der hat wohl diese beiden Zu lernen und zu leiden.

Internet

Spruch des Alters 2 Dein jung Genoß in Pflichten Nach dir den Schritt tät richten. Da kam ein andrer junger Schritt, Nahm deinen jung Genossen mit. Sie wandern nach dem Glücke, Sie schaun nicht mehr zurücke.

Internet

Die Alten Wenn man jung ist und modern, möchte man natürlich gern alles neu und umgestalten, doch, wer meckert dann? Die Alten! Will dynamische Ideen endlich man verwirklicht sehen, zieh'n sich sorgenvolle Falten; ja, so sind sie, unsere Alten! Krieg und Elend, Hungersnot; manchen Freundes frühen Tod; doch sie haben durchgehalten, ja, das haben sie, die Alten! Was sie unter Müh' und Plagen neu erbaut in ihren Tagen, wollen sie jetzt gern erhalten: Habt Verständnis für die Alten! Bändigt Eure jungen Triebe, zeigt den Alten Eure Liebe, laßt Euch Zeit mit dem Entfalten, kümmert Euch um Eure Alten! Wozu jagen, warum hetzen? Nach den ewigen Gesetzen ist die Zeit nicht aufzuhalten. Plötzlich seid Ihr dann die Alten! Und in Euren alten Tagen hört Ihr Eure Kinder klagen; ach, es ist nicht auszuhalten, immer meckern diese Alten! Ja, des Lebens Karussell dreht sich leider viel zu schnell; drum sollten sie zusammenhalten, all die Jungen und die Alten!

Internet

So dunkel ist keine Nacht, daß Gottes Auge nicht drüber wacht.

Fontane, Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13, 4 Bde., 1878. 6. Kapitel: Am Kamin

Hehle nimmer mit der Wahrheit! Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue; Doch, weil Wahrheit eine Perle, Wirf sie auch nicht vor die Säue.

Storm, T., Gedichte. Aus: Für meine Söhne, 1854