Heinrich Heine (1797–1856)

163 Sprüche Klassik

Sprach der Herr am sechsten Tage: »Hab am Ende nun vollbracht Diese große, schöne Schöpfung, Und hab alles gut gemacht. Wie die Sonne rosengoldig In dem Meere widerstrahlt! Wie die Bäume grün und glänzend! Ist nicht alles wie gemalt? Sind nicht weiß wie Alabaster Dort die Lämmchen auf der Flur? Ist sie nicht so schön vollendet Und natürlich, die Natur? Erd' und Himmel sind erfüllet Ganz von meiner Herrlichkeit, Und der Mensch, er wird mich loben Bis in alle Ewigkeit!«

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Verschiedene. Schöpfungslieder, 5.

Grübeln über Gottes Gründe, Kritisieren unsern Schöpfer, Ach, das ist, als ob der Topf Klüger sein wollt' als der Töpfer! Doch der Mensch fragt stets: Warum?

Heine, H., Gedichte. Aus: Zur Theologie (Fragment)

Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris.

Heine, Französische Zustände, entstanden 1831-32. Artikel 5. Dieses Zitat soll nach Heine ein altes Sprichwort sein

Mit dem besten Willen der Treuherzigkeit kann kein Mensch über sich selbst die Wahrheit sagen.

Heine, Geständnisse, 1854

Wahrheit im Fühlen und Denken hilft einem sehr viel in der Prosa, dem Lügner wird der gute Stil sehr erschwert.

Heine, H., Briefe. An Alfred Meißner, 1. November 1850

Wahr ist alles an dem Tag, da es gedruckt wird.

Heine, H., Gespräche. Zu Chasles

Auch die Rede, die Herr v. Lamartine in der Deputiertenkammer über oder vielmehr gegen Napoleon hielt, hat mich widerwärtig berührt, obgleich diese Rede lauter Wahrheit enthält. Die Hintergedanken sind unehrlich, und der Redner sagte die Wahrheit im Interesse der Lüge.

Heine, Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, 1854. Erster Teil. Paris, 30. Mai 1840

Die Rose duftet – doch ob sie empfindet Das, was sie duftet, ob die Nachtigall Selbst fühlt, was sich durch unsre Seele windet Bei ihres Liedes süßem Widerhall; – Ich weiß es nicht. Doch macht uns gar verdrießlich Die Wahrheit oft! Und Ros' und Nachtigall, Erlögen sie auch das Gefühl, ersprießlich Wär solche Lüge, wie in manchem Fall –

Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte. Neuer Frühling, 20.

Diejenigen fürchten das Pulver am meisten, die es nicht erfunden haben.

Heine, Reisebilder und Reisebriefe. Reisebilder. Vierter Teil. Englische Fragmente. 9. Die Emanzipation

Ich liebe Schlachtfelder, denn so furchtbar auch der Krieg ist, so bekundet er doch die geistige Größe des Menschen, der seinem mächtigsten Erbfeinde, dem Tode, zu trotzen vermag.

Heine, Reisebilder und Reisebriefe. Reisebilder. Dritter Teil. Reise von München nach Genua. Kapitel 30

Ein Talent können wir nach einer einzigen Manifestation anerkennen – für die Anerkennung eines Charakters bedürfen wir aber eines langen Zeitraumes und beständiger Öffentlichkeit.

Heine, Gedanken und Einfälle, in: Letzte Gedichte und Gedanken von Heinrich Heine, hg. von Adolf Strodtmann 1869. VI. Vermischte Einfälle

Kein Talent, doch ein Charakter.

Heine, Atta Troll. Ein Sommernachtstraum, 1847

»Vor seinem Tode«, sagt Solon, »ist niemand glücklich zu schätzen« – und wir dürfen auch sagen: Vor seinem Tode ist niemand als Charakter zu preisen.

Heine, Gedanken und Einfälle, in: Letzte Gedichte und Gedanken von Heinrich Heine, hg. von Adolf Strodtmann 1869. VI. Vermischte Einfälle

Der Mensch ist seiner Natur nach eine tapfere Bestie.

Heine, Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, 1854. Die Februarrevolution. Paris, den 3. März 1848

Der eine kann das Unglück nicht, Der andre nicht das Glück verdauen. Durch Männerhaß verdirbt der eine, Der andre durch die Gunst der Frauen.

Heine, H., Gedichte. Nachlese. Zeitgedichte. Aus: Simplicissimus I.

Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten.

Heine, H., Gedichte. Nachlese. Zeitgedichte. Aus: Die Wanderratten