Was weiß denn ich vom Menschenleben? Bin freilich scheinbar dringestanden, aber ich hab' es höchstens verstanden, konnte mich nie darein verweben. Hab mich niemals daran verloren. Wo andre nehmen, andre geben, blieb ich beiseit, im Innern stummgeboren. Ich hab von allen lieben Lippen den wahren Trank des Lebens nie gesogen, bin nie von wahrem Schmerz durchschüttert, die Straße einsam, schluchzend, nie! gezogen. Wenn ich von guten Gaben der Natur je eine Regung, einen Hauch erfuhr, so nannte ihn mein überwacher Sinn, unfähig des Vergessens, grell beim Namen. Und wie dann tausende Vergleiche kamen, war das Vertrauen, war das Glück dahin. Und auch das Leid! zerfasert und zerfressen vom Denken, abgeblaßt und ausgelaugt! Wie wollte ich an meine Brust es pressen, wie hätt ich Wonne aus dem Schmerz gesaugt: Sein Flügel streifte mich, ich wurde matt, und Unbehagen kam an Schmerzes Statt...
Aber wahrhaftig, ich bin in keinem Augenblick mehr ein Mensch, als wenn ich mich mit hundertfacher Stärke leben fühle...
Hörtest du denn nicht hinein, Daß Musik das Haus umschlich? Nacht war schwer und ohne Schein, Doch der sanft auf hartem Stein Lag und spielte, das war ich. Was ich konnte, sprach ich aus: »Liebste Du, mein Alles Du!« Oestlich brach ein Licht heraus, Schwerer Tag trieb mich nach Haus Und mein Mund ist wieder zu.
Leben, Traum und Tod Leben, Traum und Tod ... Wie die Fackel loht! Wie die Erzquadrigen Über Brücken fliegen, Wie es drunten saust, An die Bäume braust, Die an steilen Ufern hängen, Schwarze Riesenwipfel aufwärts drängen ... Leben, Traum und Tod ... Leise treibt das Boot ... Grüne Uferbänke Feucht im Abendrot, Stiller Pferde Tränke, Herrenloser Pferde ... Leise treibt das Boot ... Treibt am Park vorbei, Rote Blumen, Mai ... In der Laube wer? Sag, wer schläft im Gras? Gelb Haar, Lippen rot? Leben, Traum und Tod.
Dies ist die Lehre des Lebens, die erste und letzte und tiefste, Daß es uns löset vom Bann, den die Begriffe geknüpft.
Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen, Alle Lust und alle Qual, Alles kann ein Herz ertragen, Einmal um das andere Mal. Aber weder Lust noch Schmerzen, Abgestorben auch der Pein, Das ist tödlich deinem Herzen, Und so darfst du mir nicht sein! Mußt dich aus dem Dunkel heben, Wär es auch um neue Qual, Leben mußt du, liebes Leben, Leben noch dies eine Mal!
Wie die Lieder wirbelnd erklingen! Wie sie fiedeln, zwitschern und singen! Wie aus den Blicken die Funken springen! Wie sich die Glücklichen liebend umschlingen! Jauchzend und schrankenlos, Sorglos, gedankenlos Dreht sich der Reigen, Der Lebensreigen. – Ich muß schweigen, Kann mich nicht freuen, Mir ist so angst ... Finster am Bergesrand Wandelt die Wolke, Hebt sich des Herren Hand Dräuend dem Volke: Und meine Augen, sie sehens alleine, Und meine Sorgen verstehens alleine ... Es fiel auf mich in der schweigenden Nacht, Und es läßt mich nicht los, Wie dumpfer hallender Glockenlaut, Es folgt mir durch die Frühlingspracht, Ich hör es durch der Wellen Getos: Ich habe den Frevel des Lebens geschaut! Ich sah den Todeskeim, der aus dem Leben sprießt, Das Meer von Schuld, das aus dem Leben fließt, Ich sah die Fluten der Sünden branden, Die wir ahnungslos begehen, Weil wir andere nicht verstanden, Weil uns andere nicht verstehen.
Wohl mir, mein müder Geist Wird wieder Staub, Wird, wie der Weltlauf kreist, Wurzel und Laub; Wird sich des keimenden Daseins freuen, Frühlingstriebe still erneuen, Saftige Früchte zur Erde streuen; Freilich sein spreitendes Dach zu belauben, Wird er andern die Säfte rauben, Andern stehlen Leben und Lust: Wohl mir, er frevelt unbewußt!
Lebenslied Den Erben laß verschwenden An Adler, Lamm und Pfau Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau! Die Toten, die entgleiten, Die Wipfel in dem Weiten Ihm sind sie wie das Schreiten Der Tänzerinnen wert! Er geht wie den kein Walten Vom Rücken her bedroht. Er lächelt, wenn die Falten Des Lebens flüstern: Tod! Ihm bietet jede Stelle Geheimnisvoll die Schwelle; Es gibt sich jeder Welle Der Heimatlose hin. Der Schwarm von wilden Bienen Nimmt seine Seele mit; Das Singen von Delphinen Beflügelt seinen Schritt: Ihn tragen alle Erden Mit mächtigen Gebärden. Der Flüsse Dunkelwerden Begrenzt den Hirtentag! Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau Laß lächelnd ihn verschwenden An Adler, Lamm und Pfau: Er lächelt der Gefährten. – Die schwebend unbeschwerten Abgründe und die Gärten Des Lebens tragen ihn.
Wenn Ihr bei dem, was heut vorübergleitet, Nicht viel erlebt, nicht allzuviel erlebt: Der Teppich, den man festlich ausgebreitet, Ist bunt, doch ist nicht alles drein gewebt.
Man muss das Leben nicht banalisieren, indem man das Wesen und das Schicksal auseinanderzerrt und sein Unglück abseits stellt von seinem Glück. Man darf nicht alles sondern. Es ist alles überall.
Guten Stunde Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt, Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt! Die Wege der Menschen sind um mich her, Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer: Sie tragen die Ware, die ihnen gefällt, Unwissend, daß jede mein Leben enthält. Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras Die Früchte, von denen ich lange nicht aß: Die Feige erkenn ich, nun spür ich den Ort, Doch lebte der lange vergessene fort! Und war mir das Leben, das schöne, entwandt, Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!
Das Hohe erkennt man an den Übergängen. Alles Leben ist ein Übergang.
Fronleichnam Von Glockenschall, von Weihrauchduft umflossen, Durchwogt die Straßen festliches Gepränge Und lockt ringsum ein froh bewegt Gedränge An alle Fenster, – deines bleibt geschlossen. So hab auch ich der Träume bunte Menge, Der Seele Inhalt, vor dir ausgegossen: Du merktests kaum, da schwieg ich scheu-verdrossen, Und leis verweht der Wind die leisen Klänge. Nimm dich in acht: ein Tag ist schnell entschwunden, Und leer und öde liegt die Straße wieder; Nimm dich in acht: mir ahnt, es kommen Stunden, Da du ersehnest die verschmähten Lieder: Heut tönt dir, unbegehrt, vielstimmiger Reigen, Wenn einst du sein begehrst, wird er dir schweigen.
Man hat etwas weniger Freunde, als man annimmt, aber etwas mehr, als man kennt.
Den Gehalt einer Freundschaft bringt wahrhaftig die Abwesenheit an den Tag. Ein abwesender Freund läßt immer einen Teil unseres Inneren verwaist. Gewisse Gespräche werden dann nicht geführt, gewisse Komplexe bleiben im Dunkeln, gewisse Auswege werden nicht gesehen, gewisse Tröstungen nicht empfangen, etwas – und etwas Unersetzliches – wird nicht gelebt.
So lang einer im Glück ist, der hat Freunde die Menge, doch wenn ihm das Glück den Rücken kehrt, verläuft sich das Gedränge.
Die Freunde sind nicht viele noch wenige, sondern die hinreichende Zahl.