Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)

81 Sprüche Realismus

Es ist etwas in uns, das über und hinter allen Altern ist und mit allen Altern spielt.

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Ein alter Mann ist wie ein offenes Grab, draus kriecht der Hauch des Todes über dich.

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Des Menschen Alter, von innen gesehen, ist ewige Jugend.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Mache, daß ich so fest vereinigt werde mit Dir: Wie ein Siegel mit dem Briefe, daß, wenn man das Siegel herunterhaben will, man den Brief mit zerreißen muß; daß, wenn ich von Dir getrennt werden sollte, man uns eben zerreißen müßte, daß uns auch kein Todesbann ewiglich mehr trennen kann. So setze mich einmal auf Dein Herz! So nimm mich auf Deinen Arm! Umfasse mich nicht nur, sondern halte mich! Grabe dich ein! Bleibe hängen! Laß mich nicht wieder los!

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Wir besitzen ein ganzes Arsenal von Wahrheiten, welches stark genug wäre, die Welt in einen Sternennebel zurückzuverwandeln, aber es ist jedes Arkanum im eisernen Tigel verschlossen, – durch unsere Starrheit, unsere Vorurteile, unsere Unfähigkeit, das Einmalige zu fassen.

Hofmannsthal, Andreas oder die Vereinigten, Fragment entstanden ab 1907, Erstdruck 1932 (posthum)

Der mittelmäßige Mensch hält zu knapp nach dem richtigen Gedanken inne; daher die vielen Halbwahrheiten in der Welt.

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Menschen führen einander durch ihre Seelen wie Potemkin die Kaiserin Katharina durch Taurin.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Es gibt viel Trauriges in der Welt und viel Schönes. Manchmal scheint das Traurige mehr Gewalt zu haben, als man ertragen kann, dann stärkt sich indessen leise das Schöne und berührt wieder unsere Seele.

Hofmannsthal, H., Briefe. An Eberhard Freiherr von Bodenhausen

Es ist nichts im Innern wesentlich, das nicht zugleich im Äußern wahrgenommen wird.

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PsychePsyche, my soulEdgar Poe ... und Psyche, meine Seele, sah mich an Von unterdrücktem Weinen blaß und bebend Und sagte leise: »Herr, ich möchte sterben, Ich bin zum Sterben müde und mich friert.« O Psyche, Psyche, meine kleine Seele, Sei still, ich will dir einen Trank bereiten, Der warmes Leben strömt durch alle Glieder. Mit gutem warmem Wein will ich dich tränken, Mit glühendem sprühendem Saft des lebendigen Funkelnden, dunkelnden, rauschend unbändigen, Quellenden, schwellenden, lachenden Lebens, Mit Farben und Garben des trunkenen Bebens: Mit sehnender Seele von weinenden Liedern, Mit Ballspiel und Grazie von tanzenden Gliedern, Mit jauchzender Schönheit von sonnigem Wehen Hellrollender Stürme auf schwarzgrünen Seen, Mit Gärten, wo Rosen und Efeu verwildern, Mit blassen Frauen und leuchtenden Bildern, Mit fremden Ländern, mit violetten Gelbleuchtenden Wolken und Rosenbetten, Mit heißen Rubinen, grüngoldenen Ringen Und allen prunkenden duftenden Dingen. Und Psyche, meine Seele, sah mich an Und sagte traurig: »Alle diese Dinge Sind schal und trüb und tot. Das Leben hat Nicht Glanz und Duft. Ich bin es müde, Herr.« Ich sagte: Noch weiß ich wohl eine Welt, Wenn dir die lebendige nicht gefällt. Mit wunderbar nie vernommenen Worten Reiß ich dir auf der Träume Pforten: Mit goldenglühenden, süßen lauen Wie duftendes Tanzen von lachenden Frauen, Mit monddurchsickerten nächtig webenden Wie fiebernde Blumenkelche bebenden, Mit grünen, rieselnden, kühlen, feuchten Wie rieselndes grünes Meeresleuchten, Mit trunken tanzenden, dunklen, schwülen Wie dunkelglühender Geigen Wühlen, Mit wilden, wehenden, irren und wirren Wie großer nächtiger Vögel Schwirren, Mit schnellen und gellenden, heißen und grellen Wie metallener Flüsse grellblinkende Wellen ... Mit vielerlei solchen verzauberten Worten Werf ich dir auf der Träume Pforten: Den goldenen Garten mit duftenden Auen Im Abendrot schwimmend, mit lachenden Frauen, Das rauschende violette Dunkel Mit weißleuchtenden Bäumen und Sterngefunkel, Den flüsternden, braunen, vergessenen Teich Mit kreisenden Schwänen und Nebel bleich, Die Gondeln im Dunklen mit seltsamen Lichtern, Schwülduftenden Blumen und blassen Gesichtern, Die Heimat der Winde, die nachts wild wehen, Mit riesigen Schatten auf traurigen Seen, Und das Land von Metall, das in schweigender Glut Unter eisernem grauem Himmel ruht. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Da sah mich Psyche, meine Seele, an Mit bösem Blick und hartem Mund und sprach: »Dann muß ich sterben, wenn du so nichts weißt Von allen Dingen, die das Leben will.«

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Jede Seele, sie durchwandelt der Geschöpfe Stufenleiter: Formentauschend, rein und reiner, immer höher, hell und heiter, Lebt sie fort im Wurm, im Frosche, im Vampir, im niedern Sklaven, Dann im Tänzer, im Poet, im Trunkenbold, im edlen Streiter ... Sehet: eine gleiche Reihe Seelenhüllen, Truggestalten Muß der Dichtergeist durchwandeln, stets verklärter, stets befreiter: Und er war im Werden Gaukler, war Vampir und war Brahmane, Leere Formen läßt er leblos und strebt höher, wahrer, weiter ... Aber wissend seines Werdens, hat er werdend auch erschaffen: Hat Gestalten nachgebildet der durchlaufnen Wesensleiter: Den Vampir, den niedern Sklaven, Gaukler, Trunkenbold und Streiter.

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Was wahrhaft in der Seele ist, das ist auch in den Händen.

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Die an der Seele Defetuösen kennen und wittern einander.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Sonett der Seele Willensdrang von tausend Wesen Wogt in uns vereint verklärt: Feuer loht und Rebe gärt Und sie locken uns zum Bösen. Tiergewalten, kampfbewährt, Herrengaben, auserlesen, Eignen uns und wir verwesen Einer Welt ererbten Wert. Wenn wir unsrer Seele lauschen, Hören wir's wie Eisen klirren, Rätselhafte Quellen rauschen, Stille Vögelflüge schwirren ... Und wir fühlen uns verwandt Weltenkräften unerkannt.

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Man kann sechzig Jahre alt geworden sein, ohne zu ahnen, was ein Charakter ist. Nichts ist verborgener als die Dinge, die wir beständig im Munde führen.

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Die Ich-Sucht vergeht sich nicht so sehr durch Taten, als durch Nicht-Verstehen.

Hofmannsthal, Buch der Freunde, 1922

Charaktere ohne Handlungen sind lahm, Handlungen ohne Charaktere blind.

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Er [Lessing] zeigte eine Möglichkeit deutschen Wesens, die ohne Nachfolge blieb; er beherrschte den Stoff, statt sich von ihm beherrschen zu lassen. Seine Bedeutung für die Nation liegt in seinem Widerspruch zu ihr. Innerhalb eines Volkes, dessen größte Gefahr der gemachte Charakter ist, war er ein echter Charakter.

Hofmannsthal, Essays, Reden, Vorträge. Gotthold Ephraim Lessing (Zum 22. Januar 1929)