Ein sonderbar Ding ist die Zeit. Wenn man so hineinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, dann spürt man nichts als sie.
Eine schwere Zeit ist wie ein dunkles Tor. Trittst du hindurch, trittst du gestärkt hervor.
Lied der Welt Flieg hin, Zeit, du bist meine Magd, Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt, Flicht mir mein Haar, spiel mir um den Schuh, Ich bin die Frau, die Magd bist du. Heia! Doch einmal trittst du zornig herein, Die Sterne schießen schiefen Schein, Der Wind durchfährt den hohen Saal, Die Sonn geht aus, das Licht wird fahl, Der Boden gibt einen toten Schein, Da wirst du meine Herrin sein! O weh! Und ich deine Magd, schwach und verzagt, Gott sei's geklagt! Flieg hin, Zeit! die Zeit ist noch weit! Heia!
Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.
Unendliche Zeit Wirklich, bist du zu schwach, dich der seligen Zeit zu erinnern? Über dem dunkelnden Tal zogen die Sterne herauf, Wir aber standen im Schatten und bebten. Die riesige Ulme Schüttelte sich wie im Traum, warf einen Schauer herab Lärmender Tropfen ins Gras: Es war keine Stunden vergangen Seit jenem Regen! Und mir schien es unendliche Zeit. Denn dem Erlebenden dehnt sich das Leben: es tuen sich lautlos Klüfte unendlichen Traums zwischen zwei Blicken ihm auf: In mich hätte ich gesogen dein zwanzigjähriges Dasein – War mir, indessen der Baum noch seine Tropfen behielt.
In Hinsicht auf den Begriff 'Erfahrung' gibt es zwei unangenehme Sorten von Leuten: die, denen Erfahrung mangelt, und die, welche sich auf ihre Erfahrung zu viel zugute tun.
Erfahrung ist zwiefach zu beurteilen, je nachdem wie sie das Selbstbewusstein hebt, inwiefern sie es unterdrückt.
Unsere Gedanken über die wichtigsten Gegenstände unseres Lebens bedürfen immer aufs neue der Klärung.
Mit den Gedanken ist es wie mit den Melodien, es gibt die kurzen, geringen - und die langen, schönen; die besten aber sind wie Kugelblitze und enthalten die Welt im ganzen.
Gedanken sind Äpfel am Baume, Für keinen Bestimmten bestimmt, Und doch gehören sie schließlich Dem einen, der sie nimmt.
Große Gedanken, die eigentlichen Lebensgedanken der »oberen Seele« stimmen die »untere«nichtweihevoll, und wir können ganz gut einer abgebrochenen Gedankenreihe Nietzsches nachspüren und zugleich einen blöden crevé um sein englisches smoking beneiden.
Gedankenspuk Motto: »Könnten wir die Historie loswerden«, Friedrich Nietzsche Vernichtunglodernd, Tödlich leuchtend, Lebenversengend Glüht uns im Innern Flammender Genius. Aber es schützt uns Vor dem Verglimmen Kühlenden Unkrauts dichte Decke, Die unser Herz feucht wuchernd umspinnt: Gewohnheit und gedankenlose Lust am Leben, Und tröstende Lüge, Und süßer Selbstbetrug, Und trauliches Dämmern Von heut auf morgen ... Wir tragen im Innern Leuchtend die Charis, Die strahlende Ahnung der Kunst. Aber die Götter haben sie tückisch Mit dem Hephästos vermählt: Dem schmierigen Handwerk, Der hinkenden Plage, Der humpelnden, keuchenden Unzulänglichkeit. Wir tragen im Innern Den Träumer Hamlet, den Dänenprinzen, Den schaurig klugen, Den Künstler der Lebensverneinung, Der den Schrei der Verzweiflung noch geistreich umrankt mit funkelndem Witz. Aber bei ihm sitzt In unserer Seele enger Zelle Mit blödem Mönchsfleiß, Und emsig das Leben bejahend, Gräber schaufelnd der schmerzenden Wahrheit,[97] Gräber von Büchern, Worten, Staub, Der eignen Beschränktheit in Ehren froh, Ein lallender Kobold: der deutsche Professor ... Wir tragen im Innern den Faust, den Titanen, Und Sganarelle, die Bedientenseele, Den weinenden Werther – und Voltaire, den Zweifler, Und des Propheten gellenden Wehruf Und das Jauchzen schönheittrunkner Griechen: Die Toten dreier Jahrtausende, Ein Bacchanal von Gespenstern. Von andern ersonnen, von andern gezeugt, Fremde Parasiten, Anempfunden, Krank, vergiftet. – Sie wimmern, sie fluchen, sie jauchzen, sie streiten: Was wir reden, ist heisrer Widerhall Ihres gellenden Chors. Sie zanken wie taumelnde Zecher Uns zur Qual! Aber es eint sie die Orgie Uns zur Qual! Sie trinken aus unsrem Schädel Jauchzend den Saft unsres Lebens – Sie ranken sich erstickend, Zischende Schlangen, Um unser Bewußtsein – Sie rütteln am ächzenden Baum unsres Glücks Im Fiebersturm – Sie schlagen mit knochigen Händen An unsrer Seele bebende Saiten – Sie tanzen uns zu Tode! Ihr wirbelnder Reigen wühlt die Welle auf. Die Lebenswelle, die Todeswelle, Bis sie die Dämme brandend zersprenget Und die Gespenster verschlinget Und uns mit ihnen ... Und sich über unsre Qualen breitet Ein schweigender, kühlender Mantel: Nacht ... – – –!
Wenn ein Mensch dahin ist, nimmt er ein Geheimnis mit sich: wie es ihm, gerade ihm – im geistigen Sinn zu leben möglich gewesen sei.
Manche freilich ... Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne. Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände. Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden: Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne. Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens schlanke Flamme oder schmale Leier.
Mir ist die Ehe etwas Hohes, wahrhaft das Sakrament – ich möchte das Leben nicht ohne Ehe denken. [...] Doch bleibt der Entschluß dazu in unserer heutigen Welt immer ein halbes Wunder. Aber wie spiegelt mir mein eigenes Leben, daß der Entschluß aus dieser wunderbaren Erhöhung aller Kräfte, aus dem produktiven Zustand hervorgeht, aus der Einsamkeit. So war ich, vor wie vielen Jahren, einsam und glücklich in Paris, und ein Jahr später saß ich verheiratet in Rodaun, und ich werde es bis an meinen Tod nicht bereuen.
Eine Ehe besteht nicht darin, daß man alles miteinander teilt. Als ich Gerty heiratete, war sie zwanzig und ich siebenundzwanzig - und ich habe nie darüber gedacht, ob sie sich auch für die Gespräche interessiert, die ich mit meinen Freunden führe, und wenn ich etwas vorlas, so war ihr das nicht sehr angenehm, und sie ging aus dem Zimmer, und heute noch kann sie das Vorlesen nicht leiden, und alles ist gut so, wie es ist.
In der Ehe hatte sie eine Anwandlung vom Absterben des Wertgefühls.
Gatte der jungen Frau, Hast du es auch bedacht, Als um dich liebelau Rauschte die erste Nacht, Als du sie glühend an dich drücktest, Daß du vielleicht ihre Seele ersticktest? Daß vielleicht, was in ihr schlief, Nach einem Andern angstvoll rief, Um dens ihr unbezwinglich bangte, Nach dem ihr ganzes Sein verlangte? Daß dein Umfangen vielleicht ein Zerbrechen, Daß dein Recht vielleicht ein Verbrechen? ...