Jakob Bosshart (1862–1924)

62 Sprüche Realismus

Im Hasten und Jagen der Tage liegt, wenn man genauer zusieht, der schüchterne, sich kaum hervorwagende Wunsch nach neuer Ausgestaltung.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Endlich und Unendlich miteinander zu vergleichen, aufeinander zu beziehen, ist unmöglich. Von dem einen haben wir eine Anschauung, vom andern nicht. Die beiden sind also schlechterdings unvergleichbar für uns.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Wie viele in dieser Zeit halten sich für stark und sind Schwächlinge, wie viele halten diese Zeit für groß, und sie ist klein! Unsere Zeit ist die Zeit der Geschwächten.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Raum und Zeit stehen sich gegenüber wie das Flussbett und der Fluss.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Was müsste man alles wissen, sehen und erleben, um seine Zeit ganz zu kennen! Des Menschen Leben ist siebzig Jahre, das aufnahmefähige viel kürzer, wo ist da die Möglichkeit, den Zeitstrom in seiner Breite und Tiefe zu kennen?

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Die Zeit frisst sich stündlich selber auf, um sich stündlich neu zu gebären.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Die Hoffnung ist erlahmt. Kann es Schlimmeres geben?

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Die Hoffnung fliegt, und die Tat geht zu Fuß; darum sind sie immer so weit auseinander.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Jeder neue Gedanke ist eine Gerade.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Die Religion mussfrohmachen.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Religionen sind wie Särge und Wiegen: man legt uns hinein, fragt keiner, wie wir liegen.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Man schilt manchen irreligiös, dessen ganzes Vergehen darin besteht, dass er die übliche Auffassung des Göttlichen zu kleinlich, zu eng, zu menschlich und gewöhnlich findet.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Letzter Dienst Drück' mir du die Augen zu, Wenn sie einst erblinden, Denn sie werden sich zur Ruh Nicht von selber finden. Werden starren unverwandt In des Lichtes Fließen; Keine wird wie deine Hand Sie so linde schließen.

Bosshart, J., Gedichte

Man sagt, sterben sei schwer, und doch kann es ein jeder.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Was ein Sterbender sagt, wird immer bedeutsam; durch das Menschliche klingt das Ewige hindurch.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Wer die Menschen erziehen will, hüte sich davor, stets auf sie zu drücken, etwas Lüpfen tut bessern Dienst.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Warum wird aus Musterknaben und -schülern selten etwas Bedeutendes? Die Erziehung hat ihre Eigenart getötet.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Frage dich vor der Ehe: Sind du und deine Erwählte wert, in Kindern fortzuleben?

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Alter schützt vor Torheit nicht: mit diesem Wort macht man sich über das Alter lustig und bedenkt nicht, dass gerade die Fähigkeit, noch Torheiten begehen zu können, ein Trost und eine Quelle des Glückes für die Alten ist.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Es muss einer schon in vielen Stücken abgestorben sein, bis er sich alt fühlt. Der gesunde Geist kommt sich immer jung vor.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Die Jugend hasst das Alter, weil es sie zu hemmen droht; das Alter hasst die Jugend, weil sie den Besitz bedroht.

Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit, posthum hg. von Elsa Bosshart-Forrer, 1929