Jean Paul (1763–1825)

304 Sprüche Klassik

Nicht die Wahrheit wird verdunkelt, nur der Mensch; die Sonne steht nicht im Krebs und Skorpion und Wassermann, nur die Erde, die um sie eilt.

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Drittes Bändchen. III. Traumdichtungen in der ersten Nachmitternacht des neuen Jahrs

Manche geben allen großen Wahrheiten Kleinheit, wenn sie sie nur sagen.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Februar 1793

Auch die gelesene Wahrheit muß man hinterher erst selber erfinden.

Jean Paul, Briefe. An Christian Otto, 27. September 1798

Gewisse Schönheiten, wie gewisse Wahrheiten – wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei – zu erblicken, muß man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf.

Jean Paul, Die unsichtbare Loge, 2. verbesserte Auflage 1822 (EA: 1793). Erster Teil. Vorredner

Aber eben so gut [...] [kann] sogar das ganze Reich des Unbewußten einmal als Reich des Bewußten erobert werden; und wir wissen nicht, wie weit die Besonnenheit steigen kann in höhern Verhältnissen, da sie ja in unsern niedern bekannten sich in den großen Unterschieden und Sprüngen von Wilden zu Weltweisen offenbart.

Jean Paul, Vorläufige Gedanken, entstanden 1816 (posthum veröffentlicht). IV. Geist und Körper

O nur eine freie Seele wird nicht alt!

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 35. Jobelperiode. 140. Zykel

Das Reden mehrt die eigne Rührung mehr als fremde.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Jenner 1797

Anfangs fällt die Gestalt im Grabe ein, dann schleift sich sogar ihr Bildnis auf dem Grabsteine hinweg; – was bleibt? Was beide erschuf, die Seele!

Jean Paul, Dämmerungen für Deutschland, 1809. 9. Schlußpolymeter

Eine zu schnelle Kur kündigt auch bei Seelen den Rückfall an.

Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Lebensbeschreibung, 3 Bde., 1795. Zweites Heftlein. 20. Hundposttag

Großen Seelen ziehen die Schmerzen nach, wie den Bergen die Gewitter; aber an ihnen brechen sich auch die Wetter, und sie werden die Wetterscheide der Ebene unter ihnen.

Jean Paul, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, 1820-22 (blieb wegen schwerer Schicksalsschläge nur Fragment). Ernste Ausschweife des sechsten Vorkapitels

Der Unsterbliche wird sterblich auf der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch!

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Erster Band. Der Traum der Wahrheit

In einer Seele voll Unmut und Verdruß erstickt die dumpfe schwere Luft alle geistigen Blüten und den sittlichen Wuchs.

Jean Paul, Museum, 1814. VII. Bruchstücke aus der »Kunst, stets heiter zu sein«

Die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Dritter Band. 20. Jobelperiode. 87. Zykel

Das Große, das Göttliche, das du in deiner Seele hast und in der fremden liebst, such auf keinem Sonnenkrater, auf keinem Planetenboden – die ganze zweite Welt, das ganze Elysium, Gott selbst erscheinen dir an keinem andern Ort als mitten in dir.

Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Lebensbeschreibung, 3 Bde., 1795. Erstes Heftlein. 8. Hundposttag

Das Unglück der Erde war bisher, daß zwei den Krieg beschlossen und Millionen ihn ausführten und ausstanden, indes es besser, wenn auch nicht gut gewesen wäre, daß Millionen beschlossen hätten, und zwei gestritten.

Jean Paul, Dämmerungen für Deutschland, 1809. III. Kriegs-Erklärung gegen den Krieg

Der Krieg ist [...] der Kaiser-Schnitt der Menschheit; er entbindet gewaltsam die Geister.

Jean Paul, Freiheits-Büchlein; oder dessen verbotene Zueignung an den regierenden Herzog August von Sachsen-Gotha; dessen Briefwechsel mit ihm; – und die Abhandlung über die Preßfreiheit, 1805. Fünfter Abschnitt. Eintritt der Zensur

In jeder Zeit ist Krieg, wenn nicht körperlicher, doch geistiger und körperliche Siege fordern geistige heraus.

Jean Paul, Politische Nachklänge, 1832 (posthum). Für Manchenmann und Jedermann

Die Siege im Krieg werden gewöhnlich sittlicher erfochten als die diplomatischen und ministeriellen im Frieden.

Jean Paul, Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche, 1817. V. Nachsommervögel gegen das Ende des Jahres 1816. 5. Gesetze des Friedens

Der Krieg ist die stärkende Eisenkur der Menschheit und zwar mehr des Teils, der ihn leidet, als des, der ihn führt. Ein Kriegsstoß weckt die Kräfte auf, die das lange Nagen der täglichen Sorgen durchfrisst.

Jean Paul, Friedens-Predigt an Deutschland, 1808

Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 28. Jobelperiode. 110. Zykel

Leider sind drei Dinge schwer zu finden und zu geben: einen Charakter haben – einen zeichnen – einen erraten.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Zweites Kapitel. Die Individualität des Idealmenschen. § 31