Jean Paul (1763–1825)

304 Sprüche Klassik

In der Liebe wird der Ernst der Jungfrau bezaubern; in der Ehe, die selber ein langer Ernst ist, möchte leichtes Scherzen und Bescherzen der Welt besser einschlagen.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. August 1811

Ein verziehener Fehler bleibe ein vergessener! Aber in der Ehe stehen tausend begrabne Sünden, welche abgebüßt und abgeküßt worden, wieder lebendig auf.

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Erstes Bändchen. VIII. Trümmer eines Ehespiegels, Dezember 1808

War man zu sanft und stoisch im ehlichen Zank, so braust's nachher auf, und man vergibt schwerer. War man zu wild: so bereuet man und vergibt leichter.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. August 1811

O, ihr gedrückten Menschen [...], wie überlebt ihr Müden es, o wie könnt ihr denn alt werden, wenn der Kreis der Jugendgestalten zerbricht und endlich ganz umliegt, wenn die Gräber eurer Freunde wie Stufen zu euerem eignen hinuntergehen, und wenn das Alter die stumme, leere Abendstunde eines erkalteten Schlachtfeldes ist; o, ihr armen Menschen, wie kann das euer Herz ertragen?

Jean Paul, Leben des Quintus Fixlein, 1796. Mußteil für Mädchen. 1. Der Tod eines Engels

In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist.

Jean Paul, Nachlass. Merkblätter, 1820

Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre Hoffnungen aufhören.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Erster Band. Sechste Jobelperiode. 34. Zykel

Jeder ist mit seinem Leibe sein eignes Gebeinhaus.

Jean Paul, Nachlass

Die Misanthropie im Alter ist weniger Haß gegen als Übersättigung mit Menschen.

Jean Paul, Nachlass. Merkblätter, 1820

Je älter man wird, desto toleranter gegen das Herz und intoleranter gegen den Kopf.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Jenner 1797

Je älter, desto mehr entschuldigt, desto weniger achtet man d(ie) Menschen.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Mai 1799

Wird dein Alter gequält, so hoffe wieder, Erdensohn! Nichts ist kürzer als das Alter, denn du weißt ja kaum, wann es beginnt. Jeder Lebenszeit erinnerst du dich, und findest sie verschönert wieder, nur der Zeit des Alters nicht; aber wenn du droben hinter dem Tode dich des Alters erinnerst, so findest du auch deine letzten Tage verschönert wieder.

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Drittes Bändchen. III. Traumdichtungen in der ersten Nachmitternacht des neuen Jahrs, Dezember 1812

Das Alter spricht ohnehin gern von sich.

Jean Paul, Die unsichtbare Loge, 2. verbesserte Auflage 1822 (EA: 1793). Erster Teil. Vorrede zur zweiten Auflage

Je älter man wird, desto mehr will man gewöhnlicher erscheinen, um nur nicht die Mühe zu haben, bemerkt zu werden.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuern Bauriß, den der Weltgeist zieht, unbekümmert, welche Stirnen und Freuden seine Glückslinie schmerzhaft durchschneide?

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 29. Jobelperiode. 114. Zykel

Jetzt glaubt man mehr an Jung- als Altmeister.

Förster (Hg.), Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages, 4 Bde., 1863. Gedanken 1799

Die Blumen der Freude im Herbst des Alters geruchlos; des Frühlings in der Jugend vielleicht giftig, die der Mitte recht.

Jean Paul, Vorläufige Gedanken, entstanden 1816 (posthum veröffentlicht). VII. Leiden, Alter, Sterben, Tod, Trauer, Sohn

Das Alter wird geizig und sucht Geld, bloß weil es die kühnen Ideale der Jugend nicht mehr hat, und seine Kräfte ausgesprochen und nun nichts weiter braucht, als Ruhe, die ihm Geld am besten gewährt.

Förster (Hg.), Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages, 4 Bde., 1863

Das Alter hat moosige Auswürfe der Schwäche, die Jugend hat die grünende der Kraft.

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Drittes Bändchen. V. Die Schönheit des Sterbens in der Blüte des Lebens, und ein Traum von einem Schlachtfelde, 1813

Viele Tugenden des Alters sind nur Folgen gestillter Wünsche und verengter oder erweiterter Schranken.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Mai 1799

Bei dem Leben wird, wie bei dem Montblanc, nicht das Hinauf-, sondern das Heruntersteigen am schwersten, zumal weil man statt des Gipfels Abgründe sieht​.

Jean Paul, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, 1820-22 (blieb wegen schwerer Schicksalsschläge nur Fragment). II. Enklave

Wir sagen ›das Leben nehmen‹, während nur Jahre genommen werden.

Jean Paul, Bemerkungen, August 1782