Jean Paul (1763–1825)

304 Sprüche Klassik

Über die Erziehung schreiben heißt beinahe über alles auf einmal schreiben.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Vorrede zur ersten Auflage

Alle Mittel und Künste der Erziehung werden erst von dem Ideale oder Urbilde derselben bestimmt.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Zweites Bruchstück. Erstes Kapitel. § 22

Schulet Kinder durch Kinder!

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Kapitel. Spiele der Kinder. § 54

Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Komischer Anhang und Epilog des ersten Bändchens

Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit seinem Schutzengel noch in einem überirdischen Zimmer; er trennte ihn bloß von den heillosen Kipperinnen und Wipperinnen der Kindheit, denen wir ebenso viele lahme Beine als lahme Herzen zu danken haben – Mägden und Ammen. Ich wollte lieber, diese Unhuldinnen erzögen uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr.

Jean Paul, Die unsichtbare Loge, 2. verbesserte Auflage 1822 (EA: 1793). Erster Teil. Dritter Sektor oder Ausschnitt

Zum Ziele der Erziehung(s)kunst, das uns vorher klar und groß vorstehen muß, ehe wir die bestimmten Wege dazu messen, gehört die Erhebung über den Zeitgeist. Nicht für die Gegenwart ist das Kind zu erziehen – denn diese tut es ohnehin unaufhörlich und gewaltsam –, sondern für die Zukunft, ja oft noch wider die nächste.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Zweites Kapitel. Die Individualität des Idealmenschen. § 32

Der elterliche Atem soll nur die Zweige zum Frucht-Stäuben bewegen, aber nicht den Stamm beugen und krümmen.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Viertes Kapitel. Ergänzung-Anhang zur sittlichen Bildung. § 128

Jeder neue Erzieher wirkt weniger ein als der vorige, bis zuletzt [...] ein Weltumsegler von allen Völkern zusammengenommen nicht so viele Bildung bekommt als von seiner Amme.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Vorrede zur ersten Auflage

Leben belebt Leben, und Kinder erziehen besser zu Erziehern als alle Erzieher.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Vorrede zur zweiten Auflage

Die Weiber wollen zu erziehen anfangen, wenn schon alles verzogen ist.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Erziehung und Unterricht treiben aus uns schöne Keime, als sollten wir zu Griechen erwachsen; später nimmt uns statt des Gärtners der Braumeister, der Staat, in Empfang.

Jean Paul, Dämmerungen für Deutschland, 1809. 4. Kleine Zwielichter

Heilig bewahre den Kinderglauben, ohne welchen es gar keine Erziehung gäbe.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Neuntes Kapitel. Über den Kinderglauben. § 74

Nichts ist leichter, als die Kinder dazu zu erziehen, daß sie gehorchen, gefallen, aufwarten und alles tun, was Eltern und andere Erwachsene begehren. Freilich sind dann die Kinder nichts, nicht mehr als die Eltern. Aber schwerer ist es, Gehorsam und Freiheit zu vereinigen, die Kraft dazulassen und doch zu lenken und sich selber einen Gegner der besten Art zu erziehen.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Die Früchte rechter Erziehung der ersten drei Jahre (ein höheres triennium als das akademische) könnt ihr nicht unter dem Säen ernten; – und ihr werdet oft gar nicht begreifen, warum nach so vielem Tun noch so viel zu tun verbleibe; – aber nach einigen Jahren wird euch der hervorkeimende Reichtum überraschen und belohnen; denn die vielfachen Erd-Rinden, die den Keimen-Flor bedeckten, und nicht erdrückten, sind von ihm durchbrochen worden.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Viertes Kapitel. Ergänzung-Anhang zur sittlichen Bildung. § 123

Das heimliche häusliche Wort, das der Vater seinen Kindern sagt, wird nicht vernommen von der Zeit; aber, wie in Schallgewölben, wird es an dem fernen Ende laut und von der Nachwelt gehört.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Vorrede zur ersten Auflage

Die Erziehung ist ein Radiermesser, das den Klecks durchschimmern lässt.

Förster (Hg.), Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages, 4 Bde., 1863

Leben zündet sich nur an Leben an; mithin das Höchste im Kinde sich nur durch Beispiel, entweder gegenwärtiges, oder geschichtliches, oder (was beides vereint) durch Dichtkunst.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Bändchen. Sechstes Bruchstück. Sittliche Bildung des Knaben. § 110

Keine Liebe ist süßer als die nach der Strenge; so wird aus der bittern Olive das milde, weiche Öl gedrückt.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Kapitel. Bildung zur Liebe. § 121

Die feinste Politik, sagt man, sei pas trop gouverner (nicht zu sehr lenken); es gilt auch für die Erziehung.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Sechstes Kapitel. Gebieten, Verbieten. § 64

Alles Erste bleibt ewig im Kinde, die erste Farbe, die erste Musik, die erste Blume malen den Vorgrund seines Lebens aus.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Bruchstück. Erstes Kapitel. § 43

Habt ihr recht erzogen: so kennt ihr euer Kind. Nie, nie hat eines je seiner rein- und rechterziehenden Mutter vergessen.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Zweites Kapitel über Bestimmung des weiblichen Geschlechts § 80