Jean Paul (1763–1825)

304 Sprüche Klassik

Nur aber mit dem Erziehen säen wir auf einen reinen weichen Boden entweder Gift- oder Honigkelche; und wie die Götter zu den ersten Menschen, so steigen wir (physisch und geistig den Kindern Riesen) zu den Kleinen herab und ziehen sie groß oder – klein.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Erstes Bruchstück. Erstes Kapitel. § 1

Habt keine Freude am Ge- und Verbieten, sondern am kindlichen Freihandeln. Zu häufiges Befehlen ist mehr auf die elterlichen Vorteile als auf die kindlichen bedacht.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Sechstes Kapitel. Gebieten, Verbieten. § 64

Überhaupt nie stelle sich der Vater mit einem Karenz- und Pönitenz-Gesicht oder leidtragendem Anstand vor das Kind, als sei in einem Leben so viel zu verlieren, das man doch selber verliert.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Bändchen. Sechstes Bruchstück. Sittliche Bildung des Knaben. Erstes Kapitel § 106

Allein obgleich der Geist der Erziehung – überall das Ganze meinend – nichts ist als das Bestreben, den Idealmenschen, der in jedem Kinde umhüllt liegt, frei zu machen durch einen Freigewordenen.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Vorrede zur ersten Auflage

Die Ehe wird nicht glücklich durch Liebe – oft das Gegenteil – sondern durch Vernunft.

Förster (Hg.), Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages, 4 Bde., 1863

Geheimnisse in der Ehe sind gefährlich und nichtig, ihre Scheide bedeckt immer einen Dolch, den die Zeit endlich zieht.

Jean Paul, Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer. Eine Stadtgeschichte, 1801

Die meisten Ehekriege [kommen] nicht davon, daß man die Wahrheit der Person sagt, sondern daß man sie, unbekümmert um jede Zeit, sogleich sagt.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. August 1811

Die Ehe fo(r)dert Heiterkeit.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Viertes Bruchstück. Viertes Kapitel. Erziehung der Mädchen. § 99

Willst du die Mängel deiner guten künftigen Frau leicht voraus wissen: so gib nur auf diejenigen Acht, welche der Braut von den Eltern und Geschwistern oft nur leise und lächelnd vorgeworfen werden. Diese folgen ihr als die gewisseste Mitgabe.

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Erstes Bändchen. II. Meine Miszellen

In der Ehe gefallen die Männer den Weibern länger als umgekehrt; um nur unter viel(en) Gründen [einen] anzugeben, so verlieren die Männer in der Ehe wenig(er) an Schönheit, weil sie nur wenige hineingebracht.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. September 1817

Die Worte des Ehemanns wirken höchstens auf die Ehefrau, wenn er sie einer fremden vorsagt.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Es hälts nämlich der stärkste, wildeste Mann gegen das ewige weibliche Zürnen und Untergraben in die Länge nicht aus; um nur Ruhe und Frieden zu haben, lässet ein solcher, der vor der Ehe tausend Schwüre tat, er wollte darin seinen Willen durchsetzen, am Ende gern der Herrin ihren.

Jean Paul, Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, kurz Siebenkäs, 3 Bde., 1796/97. Drittes Bändchen. Zehntes Kapitel

Da die Männer viel origineller sind, was kein Mädchen errät: so sind oft diese in der Ehe unglücklich, weil sie es nicht voraussehen und fassen.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Mai 1799

Viel Zänkereien in der Ehe kommen davon, daß man verlangt (fordert), der Gatte soll die Liebe erraten, die man auszusprechen zu stolz oder zu schamhaft ist.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Oft gehört nichts dazu, den Ehemann zu stillen, der 100 Fehler vorwirft, als sie alle rein-denkend zuzugestehen.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

In der Ehe ist es schädlich, wenn man, wegen Zank, sich seine Liebe, die man doch hat, zu äußern schämt, wie gegen Eltern.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

Es gibt gewiß bloß darum vieler glücklichen Ehen mehr, weil der Mann nicht mit zu erziehen suchte.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. Februar 1803

In der Ehe gibt's keine größern Fehler als die wiederkommenden.

Jean Paul, Bemerkungen über uns närrische Menschen, 1783-99. Mai 1799

Die Fremden hören in der Ehe wohl den Sturm, aber nicht die Windstille oder den Zephyr.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. August 1811

Zur Ehe gehört nicht bloß, daß man das Mädchen, sondern auch, daß man sich prüfe – ob nämlich zwei Vortreffliche dennoch sich einander nicht fügen.

Jean Paul, Bemerkungen über den Menschen, 1803-1817. August 1811

Wußten sie nicht so gut, als jeder Gemeine, daß in der vornehmen Ehe die Gatten als zwei Fetttropfen im Wasser schwimmen, ohne in einander zu fließen [...]?

Jean Paul, Herbst-Blumine oder gesammelte Werkchen aus Zeitschriften, 3 Bde., 1810-20. Drittes Bändchen. IV. Wahlkapitulation zwischen Vulkan und Venus, am Abende, bevor diese die Regierung der Erde auf 1815 antrat