Jean Paul (1763–1825)

304 Sprüche Klassik

Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen, und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwärmt wird?

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Zweiter Band. 12. Jobelperiode. 59. Zykel

Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und vor dem Unglücke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der großen Freundschaft aus. – Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und die Freudentränen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. – Und wer beide nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Erster Band. Vierte Jobelperiode. 22. Zykel

Das Leben, besonders das sittliche, hat Flug, dann Sprung, dann Schritt, endlich Stand; jedes Jahr läßt sich der Mensch weniger bekehren, und einem bösen Sechziger dient weniger ein Missionär als ein Autodafé.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Kapitel. Wichtigkeit der Erziehung

Ach das Leben wird wie das Meerwasser nicht eher ganz süß, als bis es gen Himmel steigt.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 35. Jobelperiode. 146. Zykel

Im Leben ist's wie am Himmel; eben dadurch, daß Sternbilder auf der einen Seite untersinken, müssen neue auf der andern heraus.

Jean Paul, Briefe. An D. Viktor

Glücksspiele werden verboten – das längste ausgenommen, das Leben.

Jean Paul, Nachlass. Gedanken, 1805

Für manche ist das Leben ein Bette, worin sie immer nur gekrümmt liegen können.

Jean Paul, Nachlass. Gedanken, 1799

An andern liebt man Vollkommenheiten, an sich sich.

Jean Paul, Bemerkungen, August 1782

Der Mensch sollte nach der ersten Liebe und der ersten Freundschaft sterben: so wäre doch das Leben ihm ein Leben.

Jean Paul, Nachlass. Gedanken, 1809

Dem Traume sind wir mehr Geschöpfe als Schöpfer; das Leben wird uns gereicht, aber wir ordnen es nicht, sondern wir unterordnen uns ihm.

Jean Paul, Nachlass. Philosophische Untersuchungen, 1801

Das Leben – das Sterben – die Unsterblichkeit; diese drei bilden den Dreiklang der menschlichen Endlichkeit.

Jean Paul, Museum, 1814. II. Sedez-Aufsätze. Erste und zweite Lieferung. Dreiklang

Jahre und Geschäfte, juristische vollends, ach das Leben selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem Äther in die Luft, dann aus der Luft auf die Erde [...].

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 35. Jobelperiode. 140. Zykel

Das Weltleben [schleift] alles Große am Menschen weg[], wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabnen Teile wegnagt.

Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Lebensbeschreibung, 3 Bde., 1795. Zweites Heftlein. 24. Hundposttag

Das Leben ist ein Schlaf, ein gedrückter heißer Schlaf, Vampyren sitzen auf ihm, Regen und Winde fallen auf uns Schlafende, und wir greifen vergeblich aus zum Erwachen.

Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Lebensbeschreibung, 3 Bde., 1795. Viertes Heftlein. 39. Hundposttag

Man nützt und versteht nur solche Lebensregeln, von denen man die Erfahrungen, worauf sie ruhen, so durchgemacht, daß man die Regeln hätte selber geben können.

Jean Paul, Die unsichtbare Loge, 2. verbesserte Auflage 1822 (EA: 1793). Erster Teil. 20. Sektor

Vor und nach dem irdischen Leben gibt es kein irdisches, aber doch ein Leben.

Jean Paul, Vorschule der Ästhetik nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 2. Auflage 1813 (EA: 1804). Erste Abteilung. 5. Programm. Über die romantische Poesie. § 24. Poesie des Aberglaubens

Jeder hält sein Leben für die Neujahrnacht der Zeit und mithin, wie der Abergläubige, seine – aus Erinnerungen zusammengehefteten – Träume darin für Prophezeiungen aufs ganze Jahr.

Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Auflage 1811 (EA: 1807). Drittes Kapitel. Über den Geist der Zeit. § 34

Diese kurze Erdpartie, wie du das Leben nennst, ist nur ein kurzer schwüler Dezembertag – unsere Freuden sind Torsos – unsere Erinnerungen Ruinen in einem Park – unsere Liebe ist eine ewige Sehnsucht und unsere Jugend nur ein süßerer Seufzer.

Jean Paul, Palingenesien, 2 Bde., 1798. Dritter Reise-Anzeiger. Sechstes Werk vor Nürnberg

O das Leben ist ein langer, langer Seufzer vor dem Ausgehen des Atems.

Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage. Eine Lebensbeschreibung, 3 Bde., 1795. Viertes Heftlein. 39. Hundposttag

Denkt euch ein Jahrhundert zurück und denkt euch ein Jahrhundert voraus und höret dann die Menschen über euch.

Förster (Hg.), Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages, 4 Bde., 1863

Hinter dem Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom, der glühend ihn verzehrt und zermalmt, wenn er ihn ergreift; aber der Mensch schreite nur tapfer vorwärts und schaue oft rückwärts, so entkommt er unbeschädigt.

Jean Paul, Titan, 4 Bde., 1800-1803. Vierter Band. 30. Jobelperiode. 119. Zykel