Joachim Ringelnatz (1883–1934)

49 Sprüche Realismus

Und ich darf noch Hie und da, dann und wann Ein Wehweh. Doch im ganzen: Ich, der ich nicht tanzen kann, Sehe gern andere tanzen. Noch immer in Arbeit gestellt Und die Arbeit genießend, Finde ich dich, ausstudierte Welt, Immer neu fließend. Gehe durch die Straßen einer Stadt Um Dinge herum, die stinken. Was Beine oder keine Beine hat, Kann blinken oder winken. Ich kann einen Pflasterstein, Der am Rinnstein liegt, aufheben. O schönes Auferdensein! Und ich darf noch leben.

Ringelnatz, J., Gedichte. 103 Gedichte, 1933

Und gerade auf das Zugeben Kommt's an im Leben.

Ringelnatz, J., Gedichte. Allerdings, 1928. Aus: An Peter Scher

Lebensabschnitt Ich mache eine Amnestie Aus herzlichem Verlangen. Und sei auch du und sein auch Sie Zu mir ganz unbefangen. Das Leben ist ein Rutsch-Vorbei. Nur das, was echt gewesen, Nährt weiterhin. – Ein Besen, Zu wild geschwenkt, schlägt viel entzwei. Seid gut zu mir und macht Radau, Verzeihend und aus Reue! Wollt ihr? Wer reist aufs neue Mit mir ins Himmelblau?

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932

Sinnender Spatenstich Unter der Erde murkst etwas, Unter der Erde auf Erden. Pitschert, drängelt. – Was will das Ding oder was wird aus dem Ding, Das doch in sich anfing, einmal werden?? Knolle, Puppe, Keim jeder Art Hält die Erde bewahrt, Um sie vorzubereiten Für neue Zeiten. Die Erde, die so viel Gestorbenes deckt, Gibt dem Abfall, auch Sonderlingen, Asyl und Ruhe und Schlaf. Und erweckt Sie streng pünktlich zu Zwiebeln, zu Schmetterlingen. Zu Quellen, zu Kohlen – – – Unter der Erde murkst ein Ding, Irgendwas oder ein Engerling. Zappelt es? Tickt es? Erbebt es? – Aber eines Tages lebt es. Als turmaufkletternde Ranke, Als Autoöl, als Gedanke – – – Fäule, Feuchtigkeit oder feiner Humor Bringen immer wieder Leben hervor.

Ringelnatz, J., Gedichte. 103 Gedichte, 1933

Stimmungen Machtlos, ein Grashalm, blick ich manchmal gen oben Zu den Höhen der Menschheit und suche vergebens Klarheit in dem ewigen Brausen und Toben Und den unbegreiflichen Kämpfen des Lebens. Neben mir raschelt der Tod, der lauernd und kalt Unter vermoderten Blättern grinst. – – Meiner Wünsche flehendes Lied verhallt Im Nebelgespinst. Manchmal steh ich, ein Eichbaum, über der Erden, Blicke hinab auf die tausenden Ärmlichkeiten, Folge lächelnd dem endlosen Schwinden und Werden Und der winzigen Menschheit kleinlichem Streiten. Und dann ist mir, als ob ein kraftvoller Tau Morgenkühl meine Adern durchdringt. – – Meine Hoffnung steigt froh ins Wolkenblau, Wo die Lerche singt.

Ringelnatz, J., Gedichte. 1910

Es sind die harten Freunde, die uns schleifen. Sogar dem Unrecht lege Fragen vor. Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor. Vom andern aus lerne die Welt begreifen.

Ringelnatz, J., Gedichte. Kinder-Verwirr-Buch, 1931. Aus: Vom andern aus lerne die Welt begreifen

Sieh, ich war so oft allein, Und ich lernte gleich den Zweigen, Gleich dem Stein, Träume wachen, Worte schweigen. Denke, daß ich Dichter bin. Eure Sonne ist nicht meine. Nimm als Freund mich hin, Wenn ich dir auch fremd erscheine. Laß mich lauschen aus der Ferne, Wenn ihr tanzend schwebt, Daß auch ich das Schwere lerne: Wie man narrenglücklich lebt.

Ringelnatz, J., Gedichte. 1910

Zeitversprengte Freunde Wir Freunde auf einen Faden gereiht, Es kam nicht so, wie wir wollten. Denn unsere Kette riß mit der Zeit, Und wir rollten. Von allen Winden zerstreut und gehetzt, Verschliffen und verwittert, Meinten wir schon: Wir würden zuletzt Sterben total verbittert. Doch unser Trauern lernte Geduld Und lächelt nun ruhig ins Neue. Wir glauben an unsere eigene Schuld Und an die Vergeltung für Treue.

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932

Ein Herz laviert nicht Ich nenne keine Freundschaft heiß, Die niemals, wenn's ihr unbequem, Den Freund zu überraschen weiß Trotzdem. Denn wenn sie Zeit und Mühe scheut, Ein Unverhofft zu bringen, Das einen Freund unendlich freut, Dann hat sie keine Schwingen. Den Umfang einer Wolke mißt Kein Mensch. Weil sie nicht rastet, Noch ihre Freiheit je vergißt. – Ich glaube: Keine Wolke ist Mit Arbeit überlastet.

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932

Die Freunde winken und lassen mich leben. Ich will mich glücklich zum Danke erheben. Da würgt mich ein Taumel und raubt mir die Luft. Ich spüre verwelkter Kränze Duft. Ein rasches Gleiten – – ein stumpfes Scharren – – Der dumpfe Fall von erdenen Schollen. Und stiller wird es. – – Nur fern ein Tollen, Ein Lachen. – – – Freunde sind es und Narren.

Ringelnatz, J., Gedichte. 1910

Humor ist der Knopf, der verhindert, daß uns der Kragen platzt.

Ronner (Hg.), Die treffende Pointe, 3. Auflage 1979 (EA: 1974)

Fäule, Feuchtigkeit oder feiner Humor Bringen immer wieder Leben hervor.

Ringelnatz, J., Gedichte. 103 Gedichte, 1933. Aus: Sinnender Spatenstich

Gewaltigen Erfolg erzielt, Wer eine große Rolle spielt. Im Leben spielt zum Beispiel so Ganz große Rolle: der Popo.

Ringelnatz, J., Gedichte. Kinder-Verwirr-Buch, 1931. Aus: Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle!

Den Umfang einer Wolke mißt Kein Mensch. Weil sie nicht rastet, Noch ihre Freiheit je vergißt. – Ich glaube: Keine Wolke ist Mit Arbeit überlastet.

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932. Aus: Ein Herz laviert nicht

Vergehe Zeit! Vergehe Zeit und mach einer besseren Platz! Wir haben doch nun genug verloren. Setz einen Punkt hinter den grausamen Satz »Ihr habt mich heraufbeschworen.« Was wir, die Alten, noch immer nicht abgebüßt, Willst du es nicht zum Wohle der Jugend erlassen?! Kaum kennen wir's noch, daß fremde Hände sich fassen Und Fremdwer zu Ungleich sagt: »Sei herzlich gegrüßt.« Laß deine Warnung zurück und geh schnell vorbei, Daß wir aufrecht stehen. Vergönne uns allen zuinnerst frei Das schöne Grün unsrer Erde zu sehen.

Ringelnatz, J., Gedichte. Verstreut Gedrucktes

Die Brüder Der Weekend traf den Weekbeginn: »Guten Morgen!« »Guten Abend!« Sie mochten sich anfangs nicht leiden, Und immer hatte von beiden Der eine ein unrasiertes Kinn. Trotz dieser trennenden Kleinigkeit Lernten sie doch dann sich leiden Und gingen klug und bescheiden Abwechselnd durch die Zeit Und gaben einander Kraft und Mut. Und schließlich waren die beiden Nicht mehr zu unterscheiden. Und so ist das gut.

Ringelnatz, J., Gedichte. Reisebriefe eines Artisten, 1927

Die Zeit entstellt Alle Lebewesen.

Ringelnatz, J., Gedichte. Allerdings, 1928. Aus: Ich habe dich so lieb

Unsereiner Wird immer kleiner, Je tiefer er ins Leben geguckt hat.

Ringelnatz, J., Gedichte. 103 Gedichte, 1933. Aus: Viel gesiebt

Jenem Stück Bindfaden Bindfaden, an den ich denke, Kurz warst du, und lang ist's her. Ohne dich wäre das so schwer Und so hoffnungslos gewesen. Auf der Straße von mir aufgelesen, Halfst du mir, Mir und meiner Frau. – Wir danken dir, Ich und meine Frau. Bindfaden, du dünne Kleinigkeit Wurdest mir zum Tau. – Damals war Hungerszeit; Und ich hätte ohne dich in jener Nacht Den Kartoffelsack nicht heimgebracht.

Ringelnatz, J., Gedichte. 103 Gedichte, 1933

Zu dir Sie sprangen aus rasender Eisenbahn Und haben sich gar nicht weh getan. Sie wanderten über Geleise, Und wenn ein Zug sie überfuhr, Dann knirschte nichts. Sie lachten nur. Und weiter ging die Reise. Sie schritten durch eine steinerne Wand, Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand, Durch Grenzverbote und Schranken Und durch ein vorgehaltnes Gewehr, Durchzogen viele Meilen Meer. – Meine Gedanken. – Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei. Und als sie dich erreichten, Da zitterten sie und erbleichten Und fühlten sich doch unsagbar frei.

Ringelnatz, J., Gedichte. Flugzeuggedanken, 1929

So ist es uns ergangen So ist es uns ergangen. Vergiß es nicht in beßrer Zeit! – Aber Vöglein singen und sangen, Und dein Herz sei endlos weit. Vergiß es nicht! Nur damit du lernst Zu dem seltsamen Rätsel »Geschick«. – Warum wird, je weiter du dich entfernst, Desto größer der Blick? Der Tod geht stolz spazieren. Doch Sterben ist nur Zeitverlust. – Dir hängt ein Herz in deiner Brust, Das darfst du nie verlieren.

Ringelnatz, J., Gedichte. Verstreut Gedrucktes