Joachim Ringelnatz (1883–1934)

49 Sprüche Realismus

Aufgebung Ich lasse das Schicksal los. Es wiegt tausend Milliarden Pfund; Die zwinge ich doch nicht, ich armer Hund. Wie's rutscht, wie's fällt, Wie's trifft – so warte ich hier. – Wer weiß denn vorher, wie ein zerknittertes Zeitungspapier Weggeworfen im Wind sich verhält? Wenn ich noch dem oder jener (zum Beispiel dir) Eine Freude bereite, Was will es dann heißen: »Er starb im Dreck«? – Ich werfe das Schicksal nicht weg. Es prellt mich beiseite. Ich poche darauf: Ich war manchmal gut. Weil ich sekundenlang redlich gewesen bin. – Ich öffne die Hände. Nun saust das Schicksal dahin. Ach, mir ist ungeheuer bange zumut.

Ringelnatz, J., Gedichte. Reisebriefe eines Artisten, 1927

Ich habe gebangt um dich Ich habe gebangt um dich. Ich wäre so gern für dich gegangen. – Du hättest im gleichen Bangen Dann gewartet auf mich. Ich hörte nicht mehr, Und ich sah auch nicht. Ein Garnichts floh vor mir her, Gefrorenes Licht. Nun atmet mein Dank so tief, Und die Welt blüht im Zimmer. – Daß alles so gnädig verlief, Vergessen wir's nimmer!

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932

Ehebrief Nun zeigt ein Brief, daß ich zu lange Nicht sonderlich zu dir gewesen bin. Ich nahm das Gute als Gewohntes hin. Und ich vergaß, was ich verlange. Verzeihe mir. – Ich weiß, daß fromme Gedanken rauh gebettet werden müssen. Ich danke jetzt. – Wenn ich nach Hause komme, Will ich dich so wie vor zehn Jahren küssen.

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte dreier Jahre, 1932

Dreiste Blicke Über die Knie Unter ein Röckchen zu schaun – – Wenn sie doch das und die Haben, die schönen Fraun! Über einen öffnenden Saum In Täler zwischen Brüstchen Darf Blick wie stiller Traum Stürzen sein Lüstchen. Sollen doch Frauen auch So blicken, – nicht schielen – Wenn Arm, Popo und Bauch In Fältchen spielen. Nimm, was der Blick dir gibt, Sei es, was es sei. Bevor sich das selber liebt, Ist's schon vorbei.

Ringelnatz, J., Gedichte. Flugzeuggedanken, 1929

Alt ist geworden, wer das Leben fühlt.

Ringelnatz, J., Gedichte. Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934. Aus: Und keins von diesen schönen Mädchen weiß –

Alles, was ich in schlichten Feierstunden Mit den wenigen, treuen Freunden empfunden, Was sie von Herzen mir zum Herzen gaben, Habe ich tief in meiner Seele begraben. - - Manchmal in weihevoll sinnender Dämmerzeit Schleicht an das Grab die tröstende Einsamkeit, Legt ein Sträußchen duftender Blüten nieder, Flüstert ein Wort des Dankes und scheidet wieder.

Ringelnatz, J., Gedichte. 1910

Schlechte Menschen ohne Geist, ohne Geschmack, Wenn sie noch so reich sind, bleiben nur Pack.

Ringelnatz, J., Gedichte. Flugzeuggedanken, 1929. Aus: Geld allein