Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

708 Sprüche Aufklärung

Charakter ist eigentlich vor aller Gewöhnung und Gewohnheit.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Friedrich Wilhelm Riemer, 28. August 1808

Der Charakter ersetzt nicht das Wissen, aber er suppliert es.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Kanzler Friedrich von Müller und Friedrich Wilhelm Riemer, 31. März 1823

Wir müssen es einmal sagen, weil es uns schon lange auf dem Herzen liegt: Voltaire, Hume, la Mettrie, Helvetius, Rousseau, und ihre ganze Schule, haben der Moralität und der Religion lange nicht so viel geschadet, als der strenge, kranke Pascal und seine Schule.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen J. F. Struensee, von Dr. B. Münter, Kopenhagen 1722, in: Recensionen in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Die Jahre 1772 und 1773

Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich ausspräche, Mißfallen erregen müßte.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 3. Bandes 1. Heft, 1821. Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen

Es liegt in der deutschen Natur, alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder Eigentümlichkeit zu bequemen.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 10. Januar 1825

Der mißversteht die Himmlischen, der sie Blutgierig wähnt: er dichtet ihnen nur Die eignen grausamen Begierden an.

Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1787. 1. Akt, 3. Szene, Iphigenie zu Thoas

Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus den Wahlverwandtschaften, 1809. Aus Ottiliens Tagebuche

Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuchen, und wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehn.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft, 1826. Einzelnes

Man sieht, es bessert doch nicht Elend, Reu' noch Zeit; Einmal ein Lumpenhund, er bleibt's in Ewigkeit.

Goethe, Die Mitschuldigen, entstanden 1768/69. 1. Aufzug, 1. Szene, Wirt zu Sophie

Die Geschichte eines Menschen ist sein Charakter.

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 7. Buch, 5. Kap., Therese zu Wilhelm

Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften fehlen: Geist und Gewalt.

Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben

Der Charakter verhält sich zum Schönen wie das Skelett zum lebendigen Menschen.

Goethe, J. W., Theoretische Schriften. Der Sammler und die Seinigen, 1799, 5. Brief

Jeder Charakter, so eigentümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit; denn alles wiederholt sich, und es gibt kein Ding in der Welt, das nur einmal da wäre.

Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 29. Oktober 1823

Dergleichen Umsetzungen des Charakters, wo der Komponist gleichsam dem Dichter zuwiderarbeitet, tun oft die größte Wirkung.

Goethe, J. W., Briefe. An Bernhard A. Weber, 21. Dezember 1814

Niemand vergißt leichter eine Beleidigung als ich. Ferner bin ich sehr an das Befehlen gewohnt; doch wo ich nichts zu sagen habe, da kann ich es bleiben lassen.

Goethe, J. W., Briefe. An Ludwig Ysenburg von Buri, 23. Mai 1764