Karl Kraus (1874–1936)

84 Sprüche Realismus

Mit den Rechnerinnen der Liebe kommt man schwer zum Resultat. Sie fürchten entweder, daß eins und eins null gibt, oder hoffen, daß es drei geben wird.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. I. Eros

Alle sind von mir beleidigt, nicht einzelne. Und was die Liebe betrifft, sollen alle rabiat werden und nicht die, die betrogen wurden.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. II. Kunst

In der Liebe ist jener der Hausherr, der dem andern den Vortritt läßt.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. I. Eros

Es gibt Frauen, die wie der Blitz in die erotische Phantasie einschlagen, erbeben machen und die Luft des Denkens reinigen.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). I. Weib, Phantasie

Im Wörterbuch steht, daß »Aphrodite« entweder die Göttin der Liebe bedeutet oder einen Wurm.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). II. Moral, Christentum

Nicht die Geliebte, die entfernt ist, sondern Entfernung ist die Geliebte.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). I. Weib, Phantasie

Wollust O Unterschied im Liebesspiele! Wie kommt es aus ganz andern Quellen: bei ihr zu sein, und sie sich vorzustellen! Denn sie ist nur ein Schein; doch wenn sie fern, erwachsen die Gefühle. Kurz ist die Gier, und man ist bald am Ziel und fühlt nur eben, was man fühle; das ist nicht viel. Gern wär' man aus dem Spiele, ist man bei ihr. Wie bin ich anders aufgewühlt, ist sie entrückt! Wie wird sie vielfach neu und nah und endlos bleibe ich verzückt, denn sie, sie selbst ist da, und ich, ich fühle, was sie fühlt!

Kraus, Worte in Versen I-IX, 1922-1930. IV.

In der Liebe kommt es nur darauf an, daß man nicht dümmer erscheint, als man gemacht wird.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). I. Weib, Phantasie

Daß Titania auch einen Esel herzen kann, wollen die Oberone nie verstehen, weil sie dank einer geringern Geschlechtlichkeit nicht imstande wären, eine Eselin zu herzen. Dafür werden sie in der Liebe selbst zu Eseln.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). I. Weib, Phantasie

»Das Leben geht weiter«. Als es erlaubt ist.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Was sich alles entpuppen kann: ein Schurke und ein Schmetterling!

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Bevor man das Leben über sich ergehen läßt, sollte man sich narkotisieren lassen.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). VIII. Stimmungen, Worte

Man lebt nicht einmal einmal.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. VII. Pro domo et mundo

Man soll nicht mehr lernen, als man unbedingt gegen das Leben braucht.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. III. Von Journalisten, Ästheten, Politikern, Psychologen, Dummköpfen und Gelehrten

Der Politiker steckt im Leben, unbekannt wo. Der Ästhet flieht aus dem Leben, unbekannt wohin.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). V. Der Künstler

Ich mag mich drehen und wenden, wie ich will, überall zeigt mir das Leben seine Verluste, da es entweder das Malerische dem Nützlichen oder das Nützliche dem Malerischen aufgeopfert hat.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Ich und das Leben: Die Affäre wurde ritterlich ausgetragen. Die Gegner schieden unversöhnt.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. VII. Pro domo et mundo

Es gibt eine Lebensart, die so tüchtig ist, daß sie jede Bahnstation in einen Knotenpunkt verwandelt.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. III. Zeit

Schnellzug Auf dieser Lebensbahn rattert es drauf und dran in schnellem Zug. Und meine Melodie macht es, ich weiß nicht wie, zu einem Trug. Draußen das liebe Land, das noch nicht stille stand, wie es sich dreht! Alles bleibt mir versäumt, alles bleibt ungeträumt, alles vergeht. Man wird vom Schauen stumpf, hier drin die Luft ist dumpf, draußen ist's schön. Dann wird die Zeit mir lang, dann wird mir wieder bang vor dem Vergehn. Welch eine Menschennot schlägt sich die Zeit hier tot auf ihre Art. Hier drin ist nichts wie Schmutz, und ich bin voller Trutz. Welch eine Fahrt! Doch was auch quält und närrt, ich bleibe eingesperrt bis an das End'. Wollte mich gern befrein, wollte die Landschaft sein, die rückwärts rennt!

Kraus, Worte in Versen I-IX, 1922-1930. V.

Rätsel Bald ist's von dieser, bald von jener Sorte: dort gilt's der Silbe, hier gilt es dem Worte. Leicht läßt es dich in alle Ferne schweifen, wiewohl grad nur das Nächste zu ergreifen. Bescheiden steht's und wartet in der Ecke, bis du den Sinn holst aus dem Wortverstecke. Wenn endlich dir die Lösung glücken soll, sei zu bedenken dieses dir gegeben: gelöst wär' nur dies eine eben, jedoch fast jedes Ding im Leben, es bleibt dir leider dessen voll. Ja mehr als das – ich wag es auszusprechen und will dich warnen, ehe es zu spät –, dies eine selbst, es lohnt kein Kopfzerbrechen: denn Rätsel bleibt es, wenn man's auch errät.

Kraus, Worte in Versen I-IX, 1922-1930. IX.