Karl Kraus (1874–1936)

84 Sprüche Realismus

Vor dem Schlaf Da weht mich wieder jene Ahnung an, ein Federflaum von jenem großen Grauen, ein Nichts, genug, um alles doch zu schauen, was mir von allem Anfang angetan. Und klopft ans Herz: Du bist in einer Falle, versuch's und flieh! Dies hast du doch gemeinsam, das einzig eine, worin alle einsam, und keiner will und dennoch müssen alle. Wer wird in jener Nacht nach diesen Nächten bei dir sein, um den letzten Streit zu schlichten, Endgültiges dir helfen zu verrichten, damit sie dort nicht allzu strenge rechten? Dies war ein Blick aus dem Dämonenauge, das mich im Dämmern eingenommen hatte. So prüft das Leben mich, das nimmermatte, ob nun noch ihm zum Widerstand ich tauge. Noch wart ich auf das Wunder. Nichts ist wahr, und möglich, daß sich anderes ereignet. Nicht Gott, nur alles leugn' ich, was ihn leugnet, und wenn er will, ist alles wunderbar.

Kraus, Worte in Versen I-IX, 1922-1930. VIII.

Um zu glauben, daß Einer das alles gemacht hat, braucht man doch sicher mehr Gedanken, als um zu wissen, daß er es nicht gemacht hat – ihr Idioten des freien Geistes!

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Es gibt Wahrheiten, durch deren Entdeckung man beweisen kann, daß man keinen Geist hat.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). VI. Schreiben und Lesen

Wahrheit ist ein ungeschickter Dienstbote, der beim Reinmachen die Teller zerschlägt.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Die wahren Wahrheiten sind die, welche man erfinden kann.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. VII. Pro domo et mundo

Wider besseres Wissen die Wahrheit zu sagen, sollte für ehrlos gelten.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Solange es innere Deckung gibt, können einem die Verluste des äußeren Lebens nichts anhaben.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Nein, der Seele bleibt keine Narbe zurück. Der Menschheit wird die Kugel bei einem Ohr hinein und beim andern herausgegangen sein.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie's lesen.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. V. 1915

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem andern auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Kriege und Geschäftsbücher werden mit Gott geführt.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. VI. Nachts

Kriegsmüde – das ist das dümmste von allen Worten, die die Zeit hat. Kriegsmüde sein, das heißt müde sein des Mordes, müde des Raubes, müde der Lüge, müde der Dummheit, müde des Hungers, müde der Krankheit, müde des Schmutzes, müde des Chaos. War man je zu all dem frisch und munter? … Kriegsmüde hat man immer zu sein, das heißt nicht nachdem, sondern ehe man den Krieg begonnen hat.

Kraus, Glossen bis 1924. Unsere Pallas Athene!

Ein rechter Krieg wäre erst, wenn nur die, die nicht taugen, in ihn geschickt würden.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. V. 1915

Denn über alle Schmach des Krieges geht die der Menschen, von ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar ertragen, daß er ist, aber nicht, daß er war.

Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, 1919

Denn daß Krieg sein wird, erscheint denen am wenigsten unfaßbar, welchen die Parole "Jetzt ist Krieg" jede Ehrlosigkeit ermöglicht und gedeckt hat, aber die Mahnung "Jetzt war Krieg!" die wohlverdiente Ruhe der Überlebenden stört.

Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, 1919. Originaltext

Und ihr hattet übersehn, daß, wenn ihr sämtliche Menschen in die Uniform stecktet, sie nun alle unaufhörlich einander salutieren müßten? Und merktet nicht, daß diese Gebärde eines Tags, plötzlich, nur mehr der Griff an die Stirn war, der den Zweifel an dem wechselseitigen Verstand betraf? Und daß das Kopfschütteln zuckender Invalider euch, nur euch galt?

Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, 1919. Originaltext

Nichts ist trauriger als eine Niedrigkeit, die ihren Lohn nicht erzielt hat. Sie bilde sich nicht nachträglich ein, daß sie Gemeinheit l'art pour l'art sei.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). III. Mensch und Nebenmensch

Warum schreibt mancher? Weil er nicht genug Charakter hat, nicht zu schreiben.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). VI. Schreiben und Lesen

Einem, den das Leben mit Tücken verfolgen mußte, weil es ihm nicht gewachsen war, machten sie einen Vorwurf aus ihrer Gemeinheit.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. II. Von der Gesellschaft

Die verkommenste Existenz ist die eines Menschen, der nicht die Berechtigung hat, ein Schandfleck seiner Familie und ein Auswurf der Gesellschaft zu sein.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). III. Mensch und Nebenmensch