Karl Kraus (1874–1936)

84 Sprüche Realismus

Unter Dankbarkeit versteht man gemeinhin die Bereitwilligkeit, lebenslänglich Salbe aufzuschmieren, weil man einmal Läuse gehabt hat.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). III. Mensch und Nebenmensch

Jetzt sind alle Gedankengänge Laufgräben. Meine gar Katakomben.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. V. 1915

Ein Gedanke ist nur dann echtbürtig, wenn man die Empfindung hat, als ertappe man sich bei einem Plagiat an sich selbst.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Ich weiß ganz genau, welche ungebetenen Gedanken ich nicht über die Schwelle meines Bewußtseins lasse.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können.

Kraus (Hg.), Die Fackel, 1899-1936. 1925

Es gibt Vorahmer von Originalen. Wenn zwei einen Gedanken haben, so gehört er nicht dem, der ihn früher hatte, sondern dem, der ihn besser hat.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Es gibt eine Zuständigkeit der Gedanken, die sich um ihren jeweiligen Aufenthalt wenig kümmert.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Weil ich den Gedanken beim Wort nehme, kommt er.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Wenn ein Gedanke in zwei Formen leben kann, so hat er es nicht so gut wie zwei Gedanken, die in einer Form leben.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Man glaubt gar nicht, wie schwer es oft ist, eine Tat in einen Gedanken umzusetzen!

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Gedanken sind zollfrei. Aber man hat doch Scherereien.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). IX. Sprüche und Widersprüche

Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, daß in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Der Gedanke ist das, was einer Banalität zum Gedanken fehlt.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. VII. Pro domo et mundo

Der Gedanke ist ein Kind der Liebe. Die Meinung ist in der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). VI. Schreiben und Lesen

Ein Gedankenstrich ist zumeist ein Strich durch den Gedanken.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. IV. Vom Künstler

Eigene Gedanken müssen nicht immer neu sein. Aber wer einen neuen Gedanken hat, kann ihn leicht von einem andern haben.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). VI. Schreiben und Lesen

Wenn ich mir die Haare schneiden lasse, so bin ich besorgt, daß der Friseur mir einen Gedanken durchschneide.

Kraus, Sprüche und Widersprüche, 4. Auflage 1924 (EA: 1909). III. Mensch und Nebenmensch

Jede Art von Erziehung hat es darauf abgesehen, das Leben reizlos zu machen, indem sie entweder sagt, wie es ist, oder daß es nichts ist. Man verwirrt uns in einem fortwährenden Wechsel, man klärt uns auf und ab.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. III. Von Journalisten, Ästheten, Politikern, Psychologen, Dummköpfen und Gelehrten

Die Ehe ist eine Mesalliance.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. I. Eros

Das eheliche Schlafzimmer ist das Zusammenleben von Roheit und Martyrium.

Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924. I. Eros

Ich möchte mein Dasein von ihrem Dabeisein sondern.

Kraus, Pro domo et mundo, 1912. VI. Zufälle, Einfälle