Kurt Tucholsky

91 Sprüche

Glück ist der Zustand, den man nicht spürt, sagt der Weise.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Redensart, in: Die Weltbühne, 14.06.1923, Nr. 24 (Peter Panter)

Fremder Hunger langweilt, fremdes Glück reizt.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Subkutan. Die Weltbühne, 05.04.1927, Nr. 14 (Theobald Tiger)

Danach Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt. Man sieht bloß noch in ihre Lippen den Helden seinen Schnurrbart stippen – da hat sie nu den Schentelmen. Na, un denn –? Denn jehn die beeden brav ins Bett. Na ja ... diß is ja auch janz nett. A manchmal möcht man doch jern wissn: Wat tun se, wenn se sich nich kissn? Die könn ja doch nich imma penn ... ! Na, un denn –? Denn säuselt im Kamin der Wind. Denn kricht det junge Paar 'n Kind. Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba. Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba. Denn wolln sich beede jänzlich trenn ... Na, un denn –? Denn is det Kind nich uffn Damm. Denn bleihm die beeden doch zesamm. Denn quäln se sich noch manche Jahre. Er will noch wat mit blonde Haare: vorn doof und hinten minorenn ... Na, un denn –? Denn sind se alt. Der Sohn haut ab. Der Olle macht nu ooch bald schlapp. Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit – Ach, Menschenskind, wie liecht det weit! Wie der noch scharf uff Muttern war, det is schon beinah nich mehr wahr! Der olle Mann denkt so zurück: wat hat er nu von seinen Jlück? Die Ehe war zum jrößten Teile vabrühte Milch un Langeweile. Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 01.04.1930, Nr. 14 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: Das Ideal, in: Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31 (Theobald Tiger)

Manchmal ist es schön, allein zu sein. Manchmal ist es schön, keinem Verein anzugehören. Manchmal ist es schön, vorbeizufahren.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Fahrt ins Glück, in: Die Weltbühne, 16.10.1928, Nr. 42 (Peter Panter), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Liebe ist, wenn sie dir die Krümel aus dem Bett macht.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schnipsel, in: Die Weltbühne, 01.10.1930, Nr. 40 (Peter Panter)

Laß die Liebe aus dem Spiel, wenn du liebst!

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: Kleines Operettenlied, in: Die Weltbühne, 17.06.1930, Nr. 25 (Theobald Tiger)

Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Frau spricht (I), in: Die Weltbühne, 13.08.1929, Nr. 33 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Schön ist Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut. Das Herz schlägt ruhig.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schloß Gripsholm, 1931. Erstes Kapitel

Auf ein Frollein Gott Amor zieht die Pfeile aus dem Köcher, er schießt. Ich bleib betroffen stehn. Und du machst so verliebte Nasenlöcher ... Da muß ich wohl zum Angriff übergehn. »Gestatten Sie ... !« Du kokettierst verständig. Dein Auge prüft den dicken Knaben stumm. Der ganze Kino wird in dir lebendig, du wackelst vorn und wackelst hinten rum. In deinem Blick sind alle Bumskapellen der Sonnabendabende, wo was geschieht. Ich hör dich Butterbrot zum Aal bestellen – Gott segne deinen lieben Appetit! Ich führ dich durch Theater und Lokale, durch Paradiese in der Liebe Land; du gibst im Auto mir mit einem Male die manikürte, kleine, dicke Hand. Aus weiten Hosen seh ich dich entblättern, halb keusche Jungfrau noch und halb Madame. Ich laß dich sachte auf die Walstatt klettern ... Du liebst gediegen, fest und preußisch-stramm. Und hinterher bereden wir im Dunkeln die kleinen Kümmernisse vom Büro. Durch Jalousien die Bogenlampen funkeln ... Du mußt nach Haus. Das ist nun einmal so. Ich weiß. Ich weiß. Schon will ich weiterschieben –. Ich weiß, wie die berliner Venus labt. Und doch: noch einmal laß mich lieben dich wie gehabt.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 04.05.1922, Nr. 18 (Theobald Tiger), wieder in: Mit 5 PS, 1928

Die Frau spricht 2. Eine Frau denkt Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre … Ich bin so nervös . . . und während ich an die Decke starre, denke ich mir mein Teil. Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert. Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt sein, weil man sie liebt. Ob es das wohl gibt: ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam wie am ersten Tag, wo er einen nahm …? Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt, mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt hat und der einen liebt … liebt … liebt … ob es das gibt? Manchmal denke ich: ja. Dann sehe ich: nein. Man fällt immer wieder auf sie herein.[100] Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben. Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gaben sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie. Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie. Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit, dann haben die Herren meist keine Zeit. Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag. Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack. Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als erotische Statisterie. Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett, leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett. Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre. Warum? Weil … Und während ich an die Decke starre, denke ich mir mein Teil.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Frau spricht (II), in: Die Weltbühne, 17.12.1929, Nr. 51 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

»Muß denn immer gleich von Liebe die Rede sein?« – Ja.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schnipsel, Die Weltbühne, 26.01.1932, Nr. 4 (Peter Panter)

Doch Liebe, steht geschrieben, ist nur möglich von Individualität zu Individualität.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Rosa Bertens, in: Die Schaubühne, 07.05.1914, Nr. 19 (Kurt Tucholsky)

Nie versteht ein Liebender, daß was gewesen ist, einst nicht mehr gelten kann – es war doch aber einmal!

Tucholsky, Werke 1907-1935. Liebespaar in London, in: Vossische Zeitung, 14.06.1931, Nr. 276 (Peter Panter)

Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schloß Gripsholm, 1931. Drittes Kapitel

Löwenliebe Als jener junge Schopenhauer am Löwenkäfig in Berlin der gelben Bestien Wollustschauer sah stumm an sich vorüberziehn – da schrieb er auf in seinem Büchlein: »Der Löwe liebt nicht vehement. Von Leidenschaft auch nicht ein Rüchlein; der schwächste Mann scheint mehr potent.« Der Wille macht noch kein Gewitter. Gehirn! Gehirn gehört dazu. Der muskelstarke Eisenritter gibt bald im Frauenschoße Ruh. Du liebst. Und heller noch und wacher fühlt dein Gehirn und denkt dein Herz. Der Phallus ist ein Lustentfacher – du stehst und schwingst dich höhenwärts. Du liebst. Wo andre dumpf versinken, bist du erst tausendfältig da. Laß mich aus tausend Quellen trinken, du Venus Reflectoria –! Berauscht – ach, daß ichs stets so bliebe! Getönt, bewußt, erhöht, gestuft – Das ist die wahre Löwenliebe. Du Raubtierfrau! Es ruft. Es ruft.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 01.07.1920, Nr. 27 (Theobald Tiger)

Der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: Die Frau spricht (I), in: Die Weltbühne, 13.08.1929, Nr. 33 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Das Leben muß man kauen, das Dasein ist ein Priem.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Gedichte, 1931. Aus: Der Priem, in: Die Weltbühne, 08.09.1931, Nr. 36 (Theobald Tiger)

Leben ist aussuchen. Und man suche sich das aus, was einem erreichbar und adäquat ist, und an allem andern gehe man vorüber.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Aussortierten, in: Die Weltbühne, 13.01.1931, Nr. 2 (Peter Panter), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Schlange vor dem Schalter. Alles geht, wenn auch langsam, so doch regelmäßig; du ruckst voran. Bis der Mann vor dir herankommt. Der Mann vor dir macht stets ungeahnte Schwierigkeiten, er will Herrn Eisenbahn persönlich sprechen und braucht für sich allein so viel Zeit wie alle andern Vormänner zusammen. So ist das Leben.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schnipsel [8], in: Die Weltbühne, 05.07.1932, Nr. 27 (Peter Panter)

»Erst habe ich gemerkt«, sagte ich, »wie es ist [das Leben]. Und dann habe ich verstanden, warum es so ist – und dann habe ich begriffen, warum es nicht anders sein kann. Und doch möchte ich, daß es anders wird. Es ist eine Frage der Kraft. Wenn man sich selber treu bleibt . . . «

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schloß Gripsholm, 1931. Zweites Kapitel