Kurt Tucholsky
Glück ist der Zustand, den man nicht spürt, sagt der Weise.
Fremder Hunger langweilt, fremdes Glück reizt.
Danach Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt. Man sieht bloß noch in ihre Lippen den Helden seinen Schnurrbart stippen – da hat sie nu den Schentelmen. Na, un denn –? Denn jehn die beeden brav ins Bett. Na ja ... diß is ja auch janz nett. A manchmal möcht man doch jern wissn: Wat tun se, wenn se sich nich kissn? Die könn ja doch nich imma penn ... ! Na, un denn –? Denn säuselt im Kamin der Wind. Denn kricht det junge Paar 'n Kind. Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba. Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba. Denn wolln sich beede jänzlich trenn ... Na, un denn –? Denn is det Kind nich uffn Damm. Denn bleihm die beeden doch zesamm. Denn quäln se sich noch manche Jahre. Er will noch wat mit blonde Haare: vorn doof und hinten minorenn ... Na, un denn –? Denn sind se alt. Der Sohn haut ab. Der Olle macht nu ooch bald schlapp. Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit – Ach, Menschenskind, wie liecht det weit! Wie der noch scharf uff Muttern war, det is schon beinah nich mehr wahr! Der olle Mann denkt so zurück: wat hat er nu von seinen Jlück? Die Ehe war zum jrößten Teile vabrühte Milch un Langeweile. Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten.
Manchmal ist es schön, allein zu sein. Manchmal ist es schön, keinem Verein anzugehören. Manchmal ist es schön, vorbeizufahren.
Liebe ist, wenn sie dir die Krümel aus dem Bett macht.
Laß die Liebe aus dem Spiel, wenn du liebst!
Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.
Schön ist Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut. Das Herz schlägt ruhig.
Auf ein Frollein Gott Amor zieht die Pfeile aus dem Köcher, er schießt. Ich bleib betroffen stehn. Und du machst so verliebte Nasenlöcher ... Da muß ich wohl zum Angriff übergehn. »Gestatten Sie ... !« Du kokettierst verständig. Dein Auge prüft den dicken Knaben stumm. Der ganze Kino wird in dir lebendig, du wackelst vorn und wackelst hinten rum. In deinem Blick sind alle Bumskapellen der Sonnabendabende, wo was geschieht. Ich hör dich Butterbrot zum Aal bestellen – Gott segne deinen lieben Appetit! Ich führ dich durch Theater und Lokale, durch Paradiese in der Liebe Land; du gibst im Auto mir mit einem Male die manikürte, kleine, dicke Hand. Aus weiten Hosen seh ich dich entblättern, halb keusche Jungfrau noch und halb Madame. Ich laß dich sachte auf die Walstatt klettern ... Du liebst gediegen, fest und preußisch-stramm. Und hinterher bereden wir im Dunkeln die kleinen Kümmernisse vom Büro. Durch Jalousien die Bogenlampen funkeln ... Du mußt nach Haus. Das ist nun einmal so. Ich weiß. Ich weiß. Schon will ich weiterschieben –. Ich weiß, wie die berliner Venus labt. Und doch: noch einmal laß mich lieben dich wie gehabt.
Die Frau spricht 2. Eine Frau denkt Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre … Ich bin so nervös . . . und während ich an die Decke starre, denke ich mir mein Teil. Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert. Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt sein, weil man sie liebt. Ob es das wohl gibt: ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam wie am ersten Tag, wo er einen nahm …? Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt, mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt hat und der einen liebt … liebt … liebt … ob es das gibt? Manchmal denke ich: ja. Dann sehe ich: nein. Man fällt immer wieder auf sie herein.[100] Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben. Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gaben sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie. Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie. Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit, dann haben die Herren meist keine Zeit. Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag. Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack. Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als erotische Statisterie. Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett, leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett. Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre. Warum? Weil … Und während ich an die Decke starre, denke ich mir mein Teil.
»Muß denn immer gleich von Liebe die Rede sein?« – Ja.
Doch Liebe, steht geschrieben, ist nur möglich von Individualität zu Individualität.
Nie versteht ein Liebender, daß was gewesen ist, einst nicht mehr gelten kann – es war doch aber einmal!
Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe.
Löwenliebe Als jener junge Schopenhauer am Löwenkäfig in Berlin der gelben Bestien Wollustschauer sah stumm an sich vorüberziehn – da schrieb er auf in seinem Büchlein: »Der Löwe liebt nicht vehement. Von Leidenschaft auch nicht ein Rüchlein; der schwächste Mann scheint mehr potent.« Der Wille macht noch kein Gewitter. Gehirn! Gehirn gehört dazu. Der muskelstarke Eisenritter gibt bald im Frauenschoße Ruh. Du liebst. Und heller noch und wacher fühlt dein Gehirn und denkt dein Herz. Der Phallus ist ein Lustentfacher – du stehst und schwingst dich höhenwärts. Du liebst. Wo andre dumpf versinken, bist du erst tausendfältig da. Laß mich aus tausend Quellen trinken, du Venus Reflectoria –! Berauscht – ach, daß ichs stets so bliebe! Getönt, bewußt, erhöht, gestuft – Das ist die wahre Löwenliebe. Du Raubtierfrau! Es ruft. Es ruft.
Der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.
Das Leben muß man kauen, das Dasein ist ein Priem.
Leben ist aussuchen. Und man suche sich das aus, was einem erreichbar und adäquat ist, und an allem andern gehe man vorüber.
Schlange vor dem Schalter. Alles geht, wenn auch langsam, so doch regelmäßig; du ruckst voran. Bis der Mann vor dir herankommt. Der Mann vor dir macht stets ungeahnte Schwierigkeiten, er will Herrn Eisenbahn persönlich sprechen und braucht für sich allein so viel Zeit wie alle andern Vormänner zusammen. So ist das Leben.
»Erst habe ich gemerkt«, sagte ich, »wie es ist [das Leben]. Und dann habe ich verstanden, warum es so ist – und dann habe ich begriffen, warum es nicht anders sein kann. Und doch möchte ich, daß es anders wird. Es ist eine Frage der Kraft. Wenn man sich selber treu bleibt . . . «