Kurt Tucholsky
Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen des Jahres 2500 auskommen kann.
Du wolltest leben und kamst nicht dazu. Du willst leben und vergißt es vor lauter Geschäftigkeit. Du willst das spüren, was in dir ist, und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist – Verschüttet ist dein Lebensgefühl. Wenn du tot bist, wird es dir sehr leid tun. Noch ist es Zeit –!
Das Leben ist ernst, und der Freuden sind so wenig. Aber dies ist wohl eine: in Ruhe, bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre zu hören, wie sich die Leute aufregen und abhaspeln und ihr schlechtes Deutsch herunterschnurren und sich versprechen und schimpfen, schimpfen, schimpfen . . .
Wenn ich jetzt sterben müßte, würde ich sagen: »Das war alles?« – Und: »Ich habe es nicht so richtig verstanden.« Und: »Es war ein bißchen laut.«
Lebst du mit ihr gemeinsam – dann fühlst du dich recht einsam. Bist du aber alleine – dann frieren die Beine. Lebst du zu zweit? Lebst du allein? Der Mittelweg wird wohl das richtige sein.
Dein tiefstes Lebensgefühl – wann hast du das gehabt? Mit einem Freund? Immer allein.
Über den Dächern Über den Dächern schwebt Rauch und ein sanftes Gebimmel klingt von den Türmen der Stadt. Meine Sehnsucht fliegt in den Himmel. Wie es durch das Fenster zieht … ! Wozu arbeiten? Wozu tätig sein? Wozu in die Versammlungen gehn? Ich habe nur meine beiden Hände. Was steht am Ende –? Das habe ich an Vater gesehen. Wie es durch das Fenster zieht … ! Diese Dachkammer hat der alte Mann. Dafür fünfundfünfzig Jahre Arbeit, keinen Tag Urlaub, Sorgen und graue Haare. Meine Gedanken hängen am Horizont – Wo ist unser Glück … ? Und da kommen plötzlich alle meine Gedanken zurück. Gleich springe ich auf die Beine und werfe die Arme um den Leib, weil mich friert … Ich bin nicht mehr allein. Wir sind stark, wenn wir zusammenhalten: die Starken und Schwachen, die Jungen und Alten. Wenn nur der Wille fest bleibt und unsere Partei. Da bin ich dabei. Noch einmal sehe ich über die Stadt und die Dächer … Schon mancher hat mit trocken Brot und armseligem Essen in so einer zugigen Dachkammer gesessen. Mancher, der nachher ein Reich erobert hat.
Jeder Herzschlag klopft dem Grabe zu. Weiter und weiter – unaufhaltsam. In mir wächst der Tod.
Leben ist aussuchen.
Erhalten zu bleiben ist kein Zeichen von Wert.
Und hörst du auch fremde Länder und Kontinente erklingen: du kannst ja gar nicht aus deinem Kreise springen! Von Stund an, wo sie dich pudern, bis zum gemieteten Grab spielt sich alles und alles und alles unter zweihundert Menschen ab.
Uns haben sie, glaub ich, falsch geboren.
Der Priem Alle Rechte vorbehalten Unter vielem Spucken zu singen Es haben die Matrosen wohl auf dem blauen Meer nicht nur die weiten Hosen – sie haben noch viel mehr. Denn gibt es nichts zu rauchen, weißt du, was sie da brauchen bei Nacht und auch bei Tag? Den Kautabak – den Kautabak – ein kleines Stückchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel. Es heulen die Sirenen. Die Braut in Tränen schwimmt. Es schwimmt die Braut in Tränen, wenn der Seemann Abschied nimmt. Sie drücken sich die Hände; dann gibt sie ihm am Ende verschämt ein kleines Pack mit Kautabak – mit Kautabak – mit nem halben Pfündchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel. Da hinten liegt sein Kutter, da hinten liegt sein Kahn. Sie sagt, sie fühlt sich Mutter, er sieht sie blöde an. Er läßt sich von ihr kosen, die Hände in den Hosen, dann nimmt er einen Schlag vom Kautabak – vom Kautabak – ein kleines Stückchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel. Das Schiff fährt in den Hafen wohl in Batavia. Mit den Mädchen muß man schlafen, wozu sind sie sonst da! Die er geliebkost hatte, liegt nackt auf einer Matte; er holt aus seinem Pack den Kautabak – den Kautabak – ein kleines Stückchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel. Das Schiff tät nicht versaufen, in Hamburg legt es an. Marie mußt sich verkaufen nachts auf der Reeperbahn. Nun spürt der arme Junge grad unter seiner Zunge den bitteren Geschmack vom Kautabak – vom Kautabak – vom kleinen Stückchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel. Wie dem Seemann mit den Frauen, uns gehts genau wie ihm. Das Leben muß man kauen, das Dasein ist ein Priem. Es schmeckt dem Knecht und Ritter mal süß und auch mal bitter . . . Spuck ihn aus, wer ihn nicht mag! Den Kautabak – den Kautabak – das kleine Stückchen Kautabak von der Firma Eckenbrecht aus Kiel!
Freundschaft, das ist wie Heimat.
Frauen von Freunden Frauen von Freunden zerstören die Freundschaft. Schüchtern erst besetzen sie einen Teil des Freundes, nisten sich in ihm ein, warten, beobachten, und nehmen scheinbar teil am Freundesbund. Dies Stück des Freundes hat uns nie gehört – wir merken nichts. Aber bald ändert sich das: Sie nehmen einen Hausflügel nach dem andern, dringen tiefer ein, haben bald den ganzen Freund. Der ist verändert; es ist, als schäme er sich seiner Freundschaft. So, wie er sich früher der Liebe vor uns geschämt hat, schämt er sich jetzt der Freundschaft vor ihr. Er gehört uns nicht mehr. Sie steht nicht zwischen uns – sie hat ihn weggezogen. Er ist nicht mehr unser Freund: er ist ihr Mann. Eine leise Verletzlichkeit bleibt übrig. Traurig blicken wir ihm nach. Die im Bett behält immer recht.
Gott erhalte uns die Freundschaft. Man möchte beinah glauben, man sei nicht allein.
Freundschaft beruht darauf, daß eben nicht alles gesagt wird; nur so ist Beieinandersein möglich.
Manchmal sieht man Freunde wieder, die es zu etwas gebracht haben. Neid? Nein. Aber wenn man lange nachgedacht hat, warum sie einem so fremd und so unsympathisch geworden sind, so dürfte es wohl dieses sein: ihre süßliche Erfolgschnauze.
Einkehr Mit vierzig Jahren soll man sich besinnen . . . Worauf? Auf das, was außen und was innen – und auf den Lauf der Sterne, die im kalten Kosmos schweben, sowie auch darauf: Wovon mag eigentlich der Bornemann leben –? Die Wiese summt und liegt grün eingesponnen – ich mittendrin; durch die geschlossenen Lider sagen tausend Sonnen, daß ich lebendig bin. Schreite die Straße der Einsamkeit empor, Stimmen hörst du wie nie zuvor … aus dem Äther kommen dir Einsicht und Stärke Laßler platzt vor Neid. Ich werde ihn ärgern, indem ich es nicht bemerke. Wolken ziehn über die Sonne. Es rührt sich kein Blatt. Stumm liegt der See; der Weise, der einmal begriffen hat, fragt nicht: Warum? Er betrachtet nur noch das Wie; er sieht die Kristalle zergehn, wenn es geschneit hat – Warum schneidet man sich eigentlich immer die Nägel, wenn man keine Zeit hat –? So schwingst du dich in die obern Regionen – mußt aber dennoch hier unten wohnen. Ein Vers von Morgenstern tanzt querfeldein: »Es zieht einen immer wieder hinein.«
Das ist Humor: durch die Dinge durchsehen, wie wenn sie aus Glas wären.
Humoristen haben aufeinander stets eine mächtige Wut.