Kurt Tucholsky

91 Sprüche

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Der Mensch, in: Die Weltbühne, Nr. 24, 16.06.1931 (Kaspar Hauser), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Strenge am rechten Ort, Milde am rechten Ort und eine recht lange Leine, an der die jungen Hundchen herumlaufen können.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Blaise, der Gymnasiast, in: Die Schaubühne, 14.05.1914, Nr. 20 (Peter Panter)

In der Ehe pflegt gewöhnlich einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gut gehen.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schnipsel [10], in: Die Weltbühne, 09.08.1932, Nr. 32 (Peter Panter)

Die Ehe war zum jrößten Teile vabrühte Milch un Langeweile. Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: Danach, in: Die Weltbühne, 01.04.1930, Nr. 14 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931. Originaltext

b) Trost für den Junggesellen Alle Tage Huhn im Topf und Gans im Bett - man kriegt es satt.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Wie mans macht…, in: Die Weltbühne, 15.03.1932, Nr. 11 (Theobald Tiger)

Die Katholiken terrorisieren das Land mit einer Auffassung vom Wesen der Ehe, die die ihre ist und die uns nichts angeht.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Bettschnüffler, in: Die Weltbühne, 11.03.1930, Nr. 11 (Ignaz Wrobel)

An so ein Leben, in dem man nie allein ist, gewöhnt man sich nicht; man lebt es bitter zu Ende.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Nie allein, in: Deutschland, Deutschland über Alles. Ein Bilderbuch, 1929

Wie mans macht … a) Trost für den Ehemann Und wenn sie dich so recht gelangweilt hat, dann wandern die Gedanken in die Stadt . . . Du stellst dir vor, wie eine dir, und wie du ihr, das denkst du dir … Aber so schön ist es ja gar nicht! Mensch, in den Bars, da gähnt die Langeweile. Die Margot, die bezog von Rudolf Keile. Was flüstert nachher deine Bajadere? Sie quatscht von einer Filmkarriere, und von dem Lunapark und Feuerwerk, und daß sie Reinhardt kennt und Pallenberg … Und eine Frau mit Seele? Merk dies wichtige: die klebt ja noch viel fester als die richtige. Du träumst von Orgien und von Liebesfesten. Ach, Mensch, und immer diese selben Gesten, derselbe Zimt, dieselben Schweinerein – was kann denn da schon auf die Dauer sein! Und hinterher, dann trittst du an mit einem positiven Wassermann, so schön ist das ja gar nicht. Sei klug. Verfluch nicht deine Frau, nicht deine Klause. Bleib wo du bist. Bleib ruhig zu Hause. b) Trost für den Junggesellen Du hast es satt. Wer will, der kann. Du gehst jetzt häufiger zu Höhnemann. Der hat mit Gott zwei Nichten. Zart wie Rehe. Da gehst du ran. Du lauerst auf die Ehe. Bild dir nichts ein. Du schüttelst mit dem Kopf? Ach, alle Tage Huhn im Topf und Gans im Bett – man kriegt es satt, man kennt den kleinen Fleck am linken Schulterblatt … So schön ist es ja gar nicht! Sie zählt die Laken. Sagt, wann man großreinemachen soll. Du weißt es alles, und du hast die Nase voll. Erst warst du auf die Heirat wie versessen; daß deine Frau auch Frau ist, hast du bald vergessen. Sei klug. Verfluch nicht deine Freiheit, deine Klause. Bleib wo du bist. Bleib ruhig zu Hause. c) Moral Lebst du mit ihr gemeinsam – dann fühlst du dich recht einsam. Bist du aber alleine – dann frieren dir die Beine. Lebst du zu zweit? Lebst du allein? Der Mittelweg wird wohl das richtige sein.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 15.03.1932, Nr. 11 (Theoald Tiger)

Was ist der Nagel jeder Ehe? Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: Ehekrach, in: Berliner Illustrirte Zeitung, 19.02.1928, Nr. 8 (Theobald Tiger), wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, 1928

Runzeln – Schützengräben der Haut.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Der Mann am Spiegel, in: Die Weltbühne, 10.01.1928, Nr. 2 (Kaspar Hauser), wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, 1928

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Der Mensch, in: Die Weltbühne, 16.06.1931, Nr. 24 (Kaspar Hauser), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Zweiundsiebzig Jahre auf der Erde, das bedeutet neunundsechzig Jahr lang gelogen, Empfindungen versteckt, geheuchelt, gegrinst, statt zu beißen, geschimpft, wo man geliebt hat. Manchmal dämmert eine Ahnung auf, das vielleicht doch lieber zu unterlassen.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Wir schaukelten uns auf den Wellen, in: Die Weltbühne, 07.07.1925, Nr. 27 (Kaspar Hauser), wieder in: Mit 5 PS, 1928

Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Familie, in: Die Weltbühne, 12.01.1923, Nr. 2 (Peter Panter), wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, 1928

Jeder kräht auf seinem Mist, weiß genau, was Wahrheit ist.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Aus: An das Baby, in: Die Weltbühne, 27.10.1931, Nr. 43 (Theobald Tiger), wieder in: Lerne lachen ohne zu weinen, 1931

Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schloß Gripsholm, 1931. Erstes Kapitel

Krieg dem Kriege! Und Friede auf Erden.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Krieg dem Kriege, in: Ulk, 13.06.1919, Nr. 24 (Theobald Tiger)

Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Krieg getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schnipsel [7], in: Die Weltbühne, 21.06.1932, Nr. 25 (Peter Panter)

Ich hielte einen solchen Krieg, dessen Ausgang nicht gewiß sein dürfte, für eine Katastrophe der internationalen Arbeiterbewegung; tritt dergleichen ein, so ist mir keinen Augenblick zweifelhaft, wer der Schuldige ist.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Kurt Tucholsky, in: Moskauer Rundschau, 22.06.1930, Nr. 25, zur Umfrage: Wie würden Sie sich im Falle eines Krieges gegen die UdSSR verhalten?

Apage, Josephine, apage -! In Wien zuckte neulich die Baker mit ihrem Popo, denn es zieren die Kugeln ihrer Brüste manch schönes Revue-Tableau. Auch tanzt sie bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein – und schielen kann sie, daß das Weiße nur so erglänzt in ihren Äugelein. Dies haben die Zentrums-Schwarzen, die jungen und die alten, leider für eine Anspielung auf ihre Kirche gehalten. Auch fühlten sie sich bedroht in ihrer Sittlichkeit, und sie ließen die Glocken läuten, ganz wie in schwerer Zeit. Drei Sühnegottesdienste stiegen auf zum österreichischen Himmel, und die Bußglocke gefiel sich in einem moralischen Gebimmel. Denn: Wenn eine Tänzerin gut gewachsen ist und einen Venus-Körper hat, der nicht aus Sachsen ist; und wenn sie tanzt, daß nur der Rhythmus so knackt, und wenn sie ein ganzes Theater bei allen Sinnen packt; und wenn das Leben bunt ist hierzulande –: das ist eine Schande. Wenn aber Christus, der gesagt hat: »Du sollst nicht töten!«, an seinem Kreuz sehen muß, wie sich die Felder blutig röten; wenn die Pfaffen Kanonen und Flugzeuge segnen und in den Feldgottesdiensten beten, daß es Blut möge regnen; und wenn die Vertreter Gottes auf Erden Soldaten-Hämmel treiben, auf daß sie geschlachtet werden; und wenn die Glocken läuten: »Mord!« und die Choräle hallen: »Mord! Ihr sollt eure Feinde niederknallen!« Und wenn jemand so verrät den Gottessohn –: Das ist keine Schande. Das ist Religion.

Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Die Weltbühne, 27.03.1928, Nr. 13, S. 486, wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, 1928

Dieselben Kartoffeln, dieselben Kapitalisten. Aber andere Röcke. Das ist der Krieg.

Tucholsky, Werke 1907-1935. Die Kartoffeln, Vorwärts, 09.07.1913 (anonym),wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, 1928

Aber wenn wir nicht mehr wollen –: dann gibt es nie wieder Krieg –!

Tucholsky, Werke 1907-1935. Schwarz-weiß-rote Erinnerungen, in: Hamburger Echo, 30. Juli 1921, Nr. 350 (Ignaz Wrobel)