Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

115 Sprüche Romantik

Es ist die Frage, was man im Leben sucht, Unterhaltung oder Liebe. Im ersten Fall darf man es nicht allzu genau mit der moralischen, im zweiten nicht allzu genau mit der geistigen Beschaffenheit der Menschen nehmen, mit denen man sich umgibt.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Kunst und Leben. Ein neuer Almanach für das deutsche Haus, Bd. 3), 1880

Alles kann Liebe: zürnen und zagen, leiden und wagen, demütig werben, töten, verderben – alles kann Liebe! Alles kann Liebe: lachend entbehren, weinend gewähren, heißes Verlangen nähren in bangen in einsamen Tagen, alles kann Liebe – nur nicht entsagen!

Ebner-Eschenbach, Gedichte

Während des Beisammenseins mit geliebten Menschen kann man sich in den Zustand der Trennung von ihnen ebensowenig hineindenken wie in den des Todes.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Wer auf meine Liebe nicht sündigt, glaubt nicht an sie.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, Parabeln, Märchen und Gedichte, 1905

Es findet nicht nur jeder Odysseus seinen Homer, sondern auch jeder Mahomet seine Chadidscha.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Die Frauen sind für selbstlose Liebe dankbar, aber die selbstsüchtige erwidern sie.

Ebner-Eschenbach, Aus dem Notizbuche (in: Die Dioskuren, Band 20), 1891

Es ist Frevel und Wahnsinn, zu kränken, was man liebt, wie es Frevel und Wahnsinn ist, um jeden Preis besitzen zu wollen, was man liebt.

Ebner-Eschenbach, Božena, 1876

Wenn zwei Menschen zugleich anfangen, einander zu lieben, das ist ein großes Glück. Ein noch größeres Glück aber ist, wenn beide auch zu gleicher Zeit aufhören, einander zu lieben.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 18), 1974

Die Liebe ist die einzige positive Größe, die durch Teilen verdoppelt.

Ebner-Eschenbach, Aus Franzensbad. Sechs Episteln von keinem Propheten, 1858. Dritter Brief

Was die Götter nicht wissen Ares und Aphrodite ruhten auf rosigem Wolkenpfühl, kosten, träumten und warfen zeitweise dem Getriebe der Lebewesen auf der rollenden Kugel Erde einen lässigen Blick zu. Nun aber ging dort etwas vor, das die regere Aufmerksamkeit der Schaumgeborenen erweckte und ihr zu denken gab. Ihre Stirn umflorte sich; sie schloß den olympischen Heros fester an ihr Herz und fragte: »Wie lang wird unsere Liebe dauern? Was meinst du wohl?« Ares küßte ihre ambrosischen Lippen. »Das weiß ich so wenig, wie du es wissen kannst, himmlische Spenderin seligster Stunden«, sprach er, »und kein Gott weiß es.« »Nun denn, schau und höre!« Sie deutete mit der Hand auf vier Erdbewohner, von denen zwei, zärtlich umschlungen, dahinwallten, zwei, Flügel an Flügel geschmiegt, sich in der Luft wiegten: ein Menschenpaar und ein Paar Eintagsfliegen, und beide Pärchen, Menschen und Eintagsfliegen, schwuren einander feurig, aus tiefinnerster, jubelvoller Überzeugung – ewige Liebe. Der Gott und die Göttin lächelten, ein bißchen ironisch, ein bißchen wehmütig: »Eigentlich – beneidenswert!« sagten sie.

Ebner-Eschenbach, M., Parabolisches

Wenn uns auf Erden etwas mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe. Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als Mißgeschick, es ist Schuld.

Ebner-Eschenbach, Unsühnbar. Erzählung, 1890. 5. Kapitel

Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegenteil, die wahre, die furchtbare Liebe gehört zu den größten Seltenheiten, und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen wie überhaupt alle Helden.

Ebner-Eschenbach, Nach dem Tode, 1881

Das Leben erzieht die großen Menschen und lässt die kleinen laufen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Die Dioskuren, Band 13), 1884

Abgeschrieben kann das Leben nie werden, dazu ist es zu reich.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

So reich unser Leben an wohlausgenützten Gelegenheiten war, vortrefflichen Menschen nahe zu stehen, so reich ist es überhaupt gewesen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

»Erlaubt ist, was gefällt.« Ja – wem gefällt, um Gottes willen!

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Wir sollen nicht nur leben, als ob wir morgen sterben, sondern auch, als ob wir noch hundert Jahre leben könnten.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 18), 1974

O Gott, gib, daß ich diesen Tag so lebe, daß ich wert bin, ihn zu leben.

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Lebenszweck Hülflos in die Welt gebannt, Selbst ein Rätsel mir, In dem schalen Unbestand, Ach, was soll ich hier? – Leiden, armes Menschenkind, Jede Erdennot, Ringen, armes Menschenkind, Ringen um den Tod.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Beherzt im Leiden, Im Glück bescheiden, Gerecht in beiden Der armen Welt, Die viel verspricht Und wenig hält; Doch ob sie bricht, Ob stählt den Mut, Nur immer tut Gar wohl bestellt, Was Gott gefällt.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Viel getan haben heißt, oft Undank ernten; zuviel getan haben heißt, immer Undank ernten.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916