Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

115 Sprüche Romantik

Ich war ein junges Mädchen, beinahe noch ein Kind, meine traumhaften Ansichten, meine Sympathien und Antipathien wechselten wie Aprilwetter; aber eines stand immer klar und felsenfest in mir: die Überzeugung, daß ich nicht über die Erde schreiten werde, ohne ihr eine wenigstens leise Spur meiner Schritte eingeprägt zu haben.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Glücklich, der nach seinem Sinne leben kann, ohne dabei eine Pflicht zu verletzen.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Es gibt wenig aufrichtige Freunde – die Nachfrage ist auch gering.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei, als tausend Feinde zu unserem Unglück.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Etwas sollen wir unseren sogenannten guten Freunden immer abzulernen suchen – ihre Scharfsichtigkeit für unsere Fehler.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Neue Monatshefte für Dichtkunst und Kritik), 1877

Das schönste Freundschaftsverhältnis: wenn jeder von beiden es sich zur Ehre rechnet, der Freund des andern zu sein.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 18), 1974

Die guten Freunde sind da, um uns zu sagen, was unsere Feinde von uns denken.

Ebner-Eschenbach, Unveröffentlichte Aphorismen aus dem Nachlass der Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach (in: Der Wächter 28/29), 1946/47

Einen mit Weisheit Gesalbten darf man nie warm werden lassen, sonst trieft er.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Man kann weise sein aus Güte und gut aus Weisheit.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Weisheit des Herzens, hg. von Heinz Rieder), 1958

Der Ruhm der kleinen Leute heißt Erfolg.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Die still stehende Uhr, die täglich zwei Mal die richtige Zeit angezeigt hat, blickt nach Jahren auf eine lange Reihe von Erfolgen zurück.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1906

Die Kleinen schaffen, der Große erschafft.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Der von Schaffensfreude spricht, hat höchstens Mücken geboren.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Die Großen säen, Die Kleinen mähen, Die Kleinsten heimsen ein So war's – so wird es sein.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte (= Gesammelte Schriften, 1. Band), 1893

Ihr Geringen, ihr seid die Wichtigen, ohne eure Mitwirkung kann nichts Großes sich mehr vollziehen — von euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird.

Ebner-Eschenbach, Das Gemeindekind, 1887

Ganz aufgehen in der Familie heißt ganz untergehen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 18), 1974

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Ich bin ein Kind meiner Zeit und will es sein; aber ein Kind meiner Tage will ich nicht sein.

Ebner-Eschenbach, Aus einem zeitlosen Tagebuch, 1916

Unsere Zeit ist eine Zeit der Gleichheit, in der jeder alle anderen überragen will.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Deutsche Rundschau, Bd. 117), 1903

Je törichter dein Hoffen, umso fester.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1906

Vieles erfahren haben, heißt noch nicht Erfahrung besitzen.

Ebner-Eschenbach, Aphorismen (in: Sämtliche Werke, Erster Band), 1920